Eynat Bollag
Heute ist Rosh HaShana. Das jüdische Neujahrsfest. Viele Auslandschweizer zieht es dafür in die Heimat. Dass sie jetzt mit ihren Liebsten zusammen sein können, ist nicht selbstverständlich. Gefühlt stehen wir hier in Israel ständig vor der nächsten Eskalation. Im Kopf rattert es: «Die Flüge. Mein Gott, die Flüge». In den letzten Monaten wurden die Schlagzeilen immer wieder von gestrichenen Flügen und der allgemeinen Nervosität über das «Was, wenn…» dominiert. Wenn man hier lebt, lernt man schnell, dass die politische Lage nicht nur die Schlagzeilen bestimmt, sondern auch die Flugpläne. Eine Eskalation, und «zäck», streicht Swiss alle Flüge, während die Preise der El Al, deren Flieger mit Raketenabwehrsystemen ausgestattet sind, in die Höhe schnellen.
In Zürich frage ich mich, ob ich den Zug im HB rechtzeitig erreiche, aber definitiv nicht, ob die Schweiz plötzlich logistisch abgeschnitten ist.
Zum zweiten Mal ist Rosh HaShana überschattet vom Echo der letzten zwei Jahre. Zwei Jahre, die mit dem bitteren Morgen des 7. Oktobers begannen und uns gelehrt haben, was wahrer Verlust bedeutet.
Wie bittet man um ein «süsses Jahr», wenn das vergangene so bitter war? Wie blickt man vorwärts, wenn die Schatten der Vergangenheit noch so lang sind?
Der Humor, der Sarkasmus, den wir uns in einer noch extremeren Form angeeignet haben, ist wie eine dünne Schicht aus Zuckerguss über einem tiefen Riss. Wir lachen über unsere eigenen absurden Sorgen, über die plötzliche Wichtigkeit eines Flugtickets. Ein Flug nach Zürich ist hier nicht nur eine Transportmöglichkeit, sondern auch ein stilles Versprechen, dass es einen Weg nach draussen gibt…Zu Rosh HaShana wünsche ich mir ein Ende des Leidens auf allen Seiten. Die Hoffnung auf Frieden ist nicht mehr nur ein abstraktes Ideal, sondern ein existenzielles Bedürfnis.
Möge der Flug nach Zürich eines Tages wieder nur die Möglichkeit bedeuten, nach Hause zu reisen, um unsere Familien zu umarmen, nicht um uns einen Kopf zu machen «was, wenn…» oder sogar vor der Realität zu fliehen. Shana Tova u'Metuka – ein gutes und süsses Jahr.
Die Zürcher Journalistin Eynat Bollag(35) lebt in Tel Aviv
und arbeitet unter anderem für ARD und ZDF