Eynat Bollag
Würde ich jetzt in Zürich aus dem Haus treten, tauchte ich sofort in eine andere Art von Atmosphäre ein. In die einzigartige Dezember-Stimmung – ein Gemisch aus mystischem Nebel, Vorweihnachtszeitmagie und: Kälte. Hier in Tel Aviv ist die Stimmung, nun ja, anders! Ich mag Tel Aviv sehr gerne, ihre Energie und ihre unschlagbare Lebendigkeit. Aber im Dezember schmerzt der Kontrast. Es ist, als würde ich versuchen, eine Melodie zu hören, die hier einfach nicht gespielt wird.
Die Stimmung in Zürich ist für mich wie ein gut geöltes Schweizer Uhrwerk: feierlich, aber präzise. Sie beginnt, wenn «Lucy» die Adventszeit einläutet oder besser einleuchtet. Die Leute eilen, eingehüllt in dicke Mäntel, von einem Glühweinstand zum nächsten. Es riecht nach Tannenharz, viel Zimt und Spekulatius. Das Tempo reduziert sich automatisch. In Tel Aviv ist es das Gegenteil. Tel Aviv kennt diese Art von Ruhe nicht. Die Stadt ist stets im Flow. Die Stimmung im Dezember ist im Grunde die gleiche wie im Juli: laut, warm, spontan.
Kommenden Sonntag feiern wir Chanukka, das jüdische Lichterfest – ich mag Chanukka sehr. DIE Besinnlichkeit, die ich aus meiner Heimat kenne, schafft es aber leider nicht bis hierher. Wie auch.Und so versuche ich, die Zürcher Stimmung hierher zu importieren. Ich schlüpfe, wenn’s dann doch mal eine winterliche Wettereinlage gibt, in meinen dicken Wollpullover – meine Arbeitskollegen fragen mich, wie ich so überleben könne, aber jemand muss den Winter ja verbreiten! Als mein Freund meine Sehnsucht nach der Kälte sah, meinte er mit einem Augenzwinkern, ob er nicht die Klimaanlage einschalten solle. Ich musste lachen. Er wollte einfach nur helfen und traf damit den Nagel auf den Kopf. Das ist die israelische Pragmatik in Reinform. Zwar habe ich dann keine Spur von Zürcher Winterstimmung, aber dafür habe ich etwas zu lachen und etwas, worüber ich mich amüsieren kann. Und das, habe ich gelernt, ist in Tel Aviv oft mehr wert als jede Besinnlichkeit.
Die Zürcher Journalistin Eynat Bollag(35) lebt in Tel Aviv
und arbeitetunter anderem für ARD und ZDF