Eynat Bollag
Wochenlang sassen wir in diesem überhitzten Kinosaal der Geopolitik und haben uns die Trailer in der Endlosschleife reingezogen. US-Flugzeugträger, die im Mittelmeer parkten, und Kampfjets, die im Minutentakt Richtung Nahost verschoben wurden, als gäbe es Meilen-Rabatt beim Pentagon. Die Schlagzeilen schrien so laut nach Eskalation, dass man sie irgendwann nur noch wie das Hintergrundrauschen einer defekten Klimaanlage wahrnahm. Es ist nicht so, dass man keine Angst hätte. Aber Angst ist ein Muskel, der irgendwann übersäuert. Irgendwann schaltet das System auf «egal» um.
Man gewöhnt sich an alles. Man plant Hochzeiten zwischen zwei Eilmeldungen und bucht Urlaube, während im Hintergrund die grösste Militärmaschinerie der Welt die Motoren warmlaufen lässt. Dieses «Was passiert, passiert halt» ist zur neuen Staatsreligion geworden. Es ist kein Mut, es ist eine Art pragmatische Kapitulation vor der Ungewissheit, die am Samstag endete.
Die Produzenten in Teheran, Washington und Jerusalem haben sich wohl geeinigt, dass die Trailer-Phase lang genug war. Der Block-buster ist angelaufen. Der Krieg mit dem Iran ist keine Drohkulisse mehr, er ist jetzt Live-Programm.
Plötzlich war Schluss mit der philosophischen Gelassenheit auf dem Sofa. Stattdessen gab es ein nationales Intervalltraining: Rein in den Bunker, raus aus dem Bunker. Ungefähr zwanzigmal am Tag. Ein bizarres Fitnessprogramm, bei dem die Push-Nachricht den Personal-Trainer spielt. Wer braucht schon ein Fitnessstudio, wenn die iranische Revolutionsgarde den Takt vorgibt?
Es ist diese Ironie des Schicksals: Wir wollten, dass die Ungewissheit aufhört. Wir wollten, dass die Vorstellung entweder abgesagt wird oder endlich anfängt. Nun ja, die Premiere läuft.
Die Zürcher Journalistin Eynat Bollag(35) lebt in Tel Aviv
und arbeitet unter anderem für ARD und ZDF