Andreas Honegger
Zitronen waren zur Zeit Goethes die Verkörperung eines Sehnsuchts-Bildes des Südens: «Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn». Und sie blieben das über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte. Heute müsste Mignon aus dem Wilhelm Meister nicht mehr mit ihrem Geliebten über die Alpen ziehen, der nächste Baumarkt, das nächste Gartencenter oder gar ein Grossverteiler würde ausreichen: Denn da stehen die Zitronenbäumchen in grosser Zahl, mit dunklem Laub und gelb leuchtenden Früchten, und warten – zu günstigen Preisen – auf Kunden. Längst vorbei sind die Zeiten in denen die Kinder sich nach den Italienferien den Rücksitz des Wagens mit Zweigen von Zitronen, Orangen, Mandarinen, Clementinen und Bergamotten teilen mussten, die in ihren Töpfen in den Norden transportiert wurden.
Die Zitrusgewächse erobern mehr und mehr unsere Vorgärten, dieTerrassen und Balkone. Nur, so ganz einfach ist deren Kultivierung in unserem oft rauen Klima nicht. Sie wollen eine spezielle Erdmischung, sie muss durchlässig und im Optimalfall leicht sauer sein. Und die herzigen kleinen Bäumchen mit ihren grossen Früchten sind rechte Gourmets, die Ernährung muss stimmen. Bei uns beispielsweise erhalten sie im März eine Gabe von Hühnermist, im April etwas Kuhmist als Pelletons und dazu noch mindestens jedenMonat eine Gabe Spezialdünger, reich an Eisen und Magnesium, damit die Blätter nicht gelb werden. Und natürlich darf es nicht an Wasserfehlen – aber zuviel davon ist auch wieder gefährlich: Nach jeder – reichlichen – Wassergabe sollten die Freunde aus dem Süden wiederetwas abtrocknen, damit die Wurzeln nicht auf den Gedanken kommen,zu faulen.
Und auch das Überwintern muss gelernt sein. Zum Glück haben wir einen Lieferanten aus dem Tessin (AlpAgrumi in Monte Carasso) gefunden, der einige Sorten von Zitruspflanzen züchtet, die auch im Raume Zürich an einem geschützten Platz im Freien ausgepflanzt überwintern können. Man kann experimentieren!
Andreas Honegger,
Journalist und Alt-Kantonsrat