Eynat Bollag
Ich hätte Euch an dieser Stelle so gerne eine andere Geschichte aus Israel erzählt. Aber die Realität drängt sich mal wieder unhöflich dazwischen.
Vor zwei Monaten schrieb ich an dieser Stelle über den Ausbruch des Krieges mit dem Iran. Nach fünf Wochen Krieg machte ich mich am Tag des Waffenstillstands auf in die Schweiz. Vier Wochen bin ich geblieben. In einem Land, das so unverschämt friedlich ist. Ich habe diesen Monat in der Schweiz genutzt, um komplett zu verweichlichen. Ich habe gelernt, dass Frieden nach frischem Zopf riecht, absolute Stille um 22 Uhr bedeutet und sich anfühlt wie eine weiche Daunendecke. Vor allem aber habe ich das Konzept des Durchschlafens wiederentdeckt. Und die Freiheit, das Mobiltelefon beim Duschen im Schlafzimmer liegenzulassen.
Als ich zurückkam, passierte etwas Verrücktes: Tel Aviv fühlte sich plötzlich unglaublich friedlich an. Nicht leise oder langsam – das kennt diese Stadt gar nicht –, aber erfüllt von einer tiefen, erleichterten Unbeschwertheit. Die Strände waren voller Leben, und ich genoss es, einfach wieder ohne Handy zu duschen. Ich habe mich gerade erst an dieses wunderbare, friedliche Tel Aviv gewöhnt. Doch die Tage scheinen gezählt. Auf den News-Kanälen läuft das Wort «Eskalationsstufe» wieder in Dauerschleife.
Wenn Ihr sehen könntet, wie gemütlich ich hier gerade am Strand in einem Café sitze und in die Tasten tippe: Das, was Ihr euch in der Schweiz unter perfektem Sommerfeeling vorstellt, erlebe ich exakt in diesem Moment. Das Meer funkelt, die Leute schlürfen Eiskaffee. Aber eben – wie lange noch?
Das Schräge ist: Selbst wenn es wieder losgeht, werden die Israelis zwischen zwei Sirenen stur genau so weitermachen. Sie gehen zum Sport, kaufen frisches Gemüse vom Markt und leben einfach weiter. Während die Schweiz mich gelehrt hat, wie man sicher schläft, lernt man hier das Leben im Auge des Sturms. Mein Handy liegt wieder griffbereit neben der Tasse. Yihiye Beseder – es wird schon gut werden. Hoffentlich.
Die Zürcher Journalistin Eynat Bollag(35) lebt in Tel Aviv
und arbeitet unter anderem für ARD und ZDF