Patrick Schwarzenbach
Stellen Sie sich vor, liebe Leserin, lieber Leser, die reformierte Kirche des Kantons Zürich hat die Demokratie für sich entdeckt. Nicht nur die Pfarrpersonen und die Behörden werden bei den Reformierten demokratisch gewählt – nein, sogar über eine Volksinitiative können die reformierten Menschen bald abstimmen – solange sie über Sechzehn sind und im Kanton Zürich wohnen.
Ein absolutes Novum – denn seit Zwinglis Zeiten ist es die erste Initiative, welche in der Zürcher Kirche zu einer Volksabstimmung wird. Dabei ist es ein himmlisches Privileg, aktiv – und ganz irdisch – den Umgang der Zürcher Kantonal-kirche mit der Schöpfung und der Natur mitzubestimmen.
Das heisst, dass am 27. September darüber abgestimmt werden kann, ob die Kirche alte Ölheizungen umweltschonend ersetzt, die zugigen Kirchenfenster besser dämmt und sogar das Gespräch über Themen wie die Bewahrung der Schöpfung fördert und finanziell unterstützt. Während die Gegnerinnen und Gegner der Initiative (beziehungsweise des Gegenvorschlags) bei einem Ja die Gefahr sehen, dass nicht jede Kirchgemeinde für sich bestimmen kann, wie stark sie sich als Kirche in Fragen der Nachhaltigkeit engagiert und Vorbildfunktion übernimmt, sehen die Befürworter des Gegenvorschlags die grosse Chance, sich als engagierte Kirche koordiniert für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Also nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken, sondern Wasser zu predigen und dieses dann nachhaltig zu schützen – und die Fische und die Natur.
Natürlich ist jedem und jeder selbst überlassen, dafür oder dagegen zu sein. Aber nur schon die Möglichkeit abzustimmen, ist eine wunderbare Errungenschaft. Oder wie es in der Bibel heisst: Eure Antwort sei Ja, Ja oder Nein, Nein – und nichts dazwischen. Nicht abzustimmen wäre am 27. September darum schon fast eine Sünde.
Patrick Schwarzenbach,
Pfarrer in der Offenen Citykirche St. Jakob