Eynat Bollag
In zwei Wochen ist Rosch Haschana, das jüdische Neujahr. Und jetzt, im Monat Elul, ist traditionell die Zeit,
zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen. Meine fällt nach diesem Jahr überraschend einfach aus: Ich bin dankbar. Letzte Woche haben wir ein verlängertes Wochenende in Haifa verbracht. Das Hotel längst gebucht, die Restaurants ausgesucht. Nur eine Kleinigkeit war unklar: Findet es überhaupt statt? Zwei Wochen zuvor wäre der Krieg um ein Haar in die nächste Runde gegangen. Dieses Planen mit dem Krieg im Rücken ist absurd. Ich mache es mittlerweile automatisch. Doch sobald ich kurz darüber nachdenke, klingt es für meinen Schweizer Kopf noch immer völlig verrückt.
Seit bald drei Jahren lebe ich in Israel. Ich führe Gespräche, die ich aus meinem früheren Leben nicht kenne: Geht dieses Wochenende der Krieg vielleicht wieder los? Mein israelischer Freund antwortet inzwischen nur noch: «Mal sehen, was sein wird.» Als wäre das die normalste Unterhaltung der Welt. Wir planen Ferien, Familienbesuche und Wochenenden – immer mit einem unsichtbaren Fragezeichen dahinter. Davon gab es dieses Jahr besonders viele: zwei Kriege mit Iran, Sirenen, ständige Spannungen. Und immer wieder: Was kommt als Nächstes? Doch all diese Unsicherheit hat auch etwas mit uns gemacht. Gemeinsam durch Krisen zu gehen, schweisst zusammen. Man lernt, sich aufeinander zu verlassen, Pläne umzuwerfen und neue zu machen. Und wenn draussen wenig sicher scheint, merkt man umso deutlicher, was im eigenen Leben Halt gibt. Eine Arbeit, die ich mag. Menschen, die mir wichtig geworden sind. Einen unschlagbaren Partner, der mich sogar versteht, wenn ich Hebräisch spreche und Wörter erfinde, die vermutlich nicht existieren. Und ein Land, das mir einiges abverlangt hat und trotzdem zu einem Zuhause geworden ist. Vielleicht habe ich hier gelernt: Sicherheit bedeutet nicht immer zu wissen, was morgen passiert. Manchmal bedeutet sie zu wissen, wer morgen neben einem steht.
Neben Israel bleibt die Schweiz mein Zuhause. Ich habe wohl einfach zwei.
Die Zürcher Journalistin Eynat Bollag (35) lebt in Tel Aviv und arbeitet unter anderem für ARD und ZDF.