Matthias Ackeret ist Journalist und Verleger
Das schönste Kompliment kam vom Klassenfeind. Er habe, so Christoph Blocher, noch nie einen solch rüstigen 90-jährigen gesehen wie Bruno Kammerer. Der über alle ideologischen Grenzen gewürdigte Jubilar feiert am 4. September seinen runden Geburtstag. Bruno Kammerer ist ein Vorzeigesozialist: Sein Vater war Gewerkschaftsführer, sein Onkel vermietete Lenin dessen Wohnung an der Spiegelgasse. Als dieser 1917
völlig überstürzt nach Russland aufbrach, liess er sein Pult zurück, dass sich nun in Kammerers Eigentum befindet.
Was von Lenin sonst noch blieb, war das revolutionäre Gen, das sich auf den Jubilaren übertrug. In seinen Wahlkampfinseraten wetterte Kammerer gegen «Mietbestimmer, Sozialbremser, Reallohnstopper
und Pelzmantel-Kulturträger».
Bruno Kammerer hat – obwohl er nie nach nationalen Meriten strebte, 1982 als linker Stadtpräsidenten-
kandidat seinem Gegenspieler Thomas Wagner unterlag und vier Jahr später als Stadtratskandidat überzählig ausschied – Zürich mehr verändert als mancher Exekutivpolitiker. Es schien, als zögen ihn alle politischen Zentrifugalkräfte immer wieder zum Gemeinderat zurück, den er während 26 Jahren zu seiner Polit-Bühne machte und parteiübergreifend dominierte. Sein Gesellenstück: Der historische Parkplatzkompromiss, den er mit der bürgerlichen Gegenseite fällte. Ein Monument des Pragmatismus. Leider fiel dieses geniale Konstrukt dem rot-grünen Machtrausch zum Opfer und wirkt nur noch wie eine perfekte Utopie aus vergangener Zeit.
Sein ganzes Leben arbeitete Kammerer als Grafiker im Kreis vier. Manchmal wohl auch an Lenins Tisch. Es brauche in Zürichs Regierung einen «kreativen Kopf», warb er vor über vierzig Jahren. Womit er vollkommen Recht hat. Der richtige Moment, dass ihn seine Partei zum Ehrenmitglied kürt.
Happy Birthday, dem letzten echten Sozialisten der Stadt!
Matthias Ackeret,
Journalist und Verleger