Andreas Hauri
Ich stehe an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts in der Schlange. Die Frau vor mir nestelt im Portemonnaie, legt Münzen hin, nimmt sie wieder zurück und beginnt von vorne. Oder da war kürzlich dieser Mann im Tram, der immer wieder nach derselben Haltestelle fragte. Solche Szenen dürften auch vielen von Ihnen vertraut sein – sie spielen sich tagtäglich irgendwo in der Stadt ab.
Oft steckt eine Demenzerkrankung dahinter. Ein Grossteil der schätzungsweise 8000 Menschen mit Demenz in der Stadt Zürich lebt nämlich zuhause – also mitten unter uns. Und doch bleiben diese Menschen oft unsichtbar. Es ist paradox: Demenz ist Teil unserer Gesellschaft, gleichzeitig bleibt die Krankheit verborgen. Unwissenheit, Scham, Überforderung sind oft die Gründe.
Eine Demenzerkrankung ist eine grosse Herausforderung für Betroffene und für ihr Umfeld – sie stellt aber auch die Gesellschaft vor Fragen: Wie reagieren wir, wenn jemand nicht mehr «funktioniert» wie erwartet?
Eine demenzfreundliche Stadt bietet gut zugängliche Beratungs- und Entlastungsangebote und eine starke medizinische Versorgung. Demenzfreundlichkeit entsteht aber eben auch im Alltag: an der Kasse, im Tram, am Schalter. Um Menschen mit Demenz so zu begegnen, dass sie sich aufgehoben fühlen, braucht es Offenheit und Wissen: zum Beispiel, dass mit einer Demenz nicht einfach nichts mehr geht, sondern immer noch Lebensqualität möglich ist. Einen grossen Beitrag dazu – so höre ich immer wieder von Betroffenen und Angehörigen –leisten Menschen, die hinschauen, handeln und Herz zeigen.
Apropos: Die soeben angelaufene Sensibilisierungskampagne der Stadt Zürich rückt den Alltag von Betroffenen ins Zentrum und lädt die Bevölkerung dazu ein, mehr über Demenz zu erfahren: stadt-zuerich.ch/demenz
Stadtrat, Andreas Hauri, Gesundheits- und Umweltdepartement