Popstar war gute Alternative
Tony Hadley (65) singt Spandau-Ballet-Hits wie «True» und «Gold» auch solo unverändert gern und gewährt humorvolle Einblicke in sein Leben als Achtzigerjahre-Popstar und Familienvater. - Von Reinhold Hönle
Ex-Spandau-Ballet-Sänger Tony Hadley, der am 6. November in Zürich auftreten wird, ist 65-jährig – aber die Musik halte ihn jung. Bild: PD
Tony Hadley (65) singt Spandau-Ballet-Hits wie «True» und «Gold» auch solo unverändert gern und gewährt humorvolle Einblicke in sein Leben als Achtzigerjahre-Popstar und Familienvater. - Von Reinhold Hönle
Sänger Tony Hadley wuchs in London auf und gründete 1976 mit Schulfreunden die Band, die nach verschiedenen Namenswechseln als Spandau Ballet 1980 gleich mit der ersten Single «To Cut A Long Story Short» den Sprung auf Platz 5 der englischen Charts schaffte. Sie zählten zur Speerspitze der New-Romantics-Bands, einer poppigen New-Wave-Variante. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1983 mit dem Album «True», aus dem der Titelsong und «Gold» zu Tophits wurden. Bereits 1986 ging ihre erfolgreiche Zeit mit «Through The Barricades» zu Ende. Weil Songschreiber Gary Kemp ausserdem seinen Kameraden nichts mehr von den Tantiemen abgeben wollte, trennte man sich 1989. Hadley machte solo weiter, landete aber keine eigenen Hits. Dank seiner unverändert guten Stimme ist er als Live-Act immer noch sehr gefragt. Er tritt am 6. November im Zürcher Volkshaus auf.
Das Interview fand über Mittag per Zoom statt. Ein etwas müder, aber gutgelaunter Tony Hadley klinkte sich über sein Handy ein: «Sorry, ich bin gerade in einem Hotel in den italienischen Alpen. Gestern Abend wurden wir in ein Restaurant in einem winzigen, wundervollen Dorf eingeladen. Das Essen war fabelhaft und der Wein floss reichlich. Daher bin ich noch etwas zerknittert.»
Bei uns in der Schweiz gehen die Leute mit 65 in Rente, während Sie bald Ihr zweites Swing-Album und nächstes Jahr neue Popsongs veröffentlichen. Das sieht nicht aus, als ob Sie es ruhiger nehmen wollen.
Tony Hadley: Das mit dem Alter ist eine lustige Sache. Ich treffe Leute, die sogar schon mit 50 oder 55 kürzertreten, aber ich kann Golf einfach nicht ausstehen! (Lacht) Ich habe kein anderes Hobby als die Musik. Und, Gott sei Dank, funktioniert meine Stimme immer noch bestens. Ich habe keine Tonlage verloren.
Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe meine Stimme zwei Jahre lang von einer kanadischen Opernsängerin ausbilden lassen, die mir sagte, sie wolle mich nicht zu einem Tenor machen, sondern nur, dass ich verstehe, wie meine Stimme funktioniert, und ich in vierzig Jahren noch singen könne.
Wie gehen Sie damit um, dass es immer noch die 40 Jahre Spandau-Ballet-Songs sind, auf welche die Fans bei Ihren Konzerten am sehnlichsten warten?
Jeder, der mit der Sendung «Top of the Pops» aufgewachsen ist und Musik macht, träumt davon, selbst ein David Bowie, Freddie Mercury oder Marc Bolan zu werden. Als ich mit 20 unseren ersten Plattenvertrag unterschieb und wir gleich einen Top-5-Hit landeten, hoffte und betete ich, dass es so weitergehen wird. Da Popmusik ein launisches Geschäft ist, in dem nur wenige eine dauerhafte Karriere haben, bin ich diesen Liedern sehr dankbar.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren drei grössten Hits?
Ich habe schon in jungen Jahren lange geschlafen, weil das gut für die Stimme ist. Eines Morgens stürmten plötzlich meine Bandkollegen Steve und Martin ins Hotelzimmer herein und spritzten mit Champagner herum. «Wir sind die Nummer eins!» Wir hatten mit «True» die Spitze der britischen Charts erobert, wie später in 20 anderen Ländern, und erreichten in den USA Platz 5. «Gold» wird heute noch am meisten und bei ganz unterschiedlichen Gelegenheiten gespielt, weil daraus auch so etwas wie eine Fussballhymne geworden ist. Die stärksten Emotionen erlebte ich, als ich bei unserem Konzert in Berlin am Abend nach dem Mauerfall «Through The Barricades» sang. Die Parallele zwischen dem Inhalt dieses Liebeslieds und dem historischen Ereignis rührte mich zu Tränen.
Spandau Ballet gehörten mit Gruppen wie Duran Duran und Ultravox zu den Protagonisten der New-Romantics-Musikwelle. Wie romantisch sind Sie persönlich?
Nun, meine Frau sagt, sie wünschte, ich wäre ein bisschen romantischer! (Lacht) Ich finde, ich bin ziemlich romantisch. Ich kaufe ihr Blumen … Also, zumindest versuche ich romantisch zu sein. Das grösste Problem ist, dass ich zu viel Zeit und Energie in meine Musik stecke. Alison möchte, dass ich mehr Zeit mit ihr verbringe, jetzt, wo fast alle unserre Kinder aus dem Haus sind.
Wie ist es für Sie, Vater von ganz unterschiedlich Kindern in verschiedenen Altern zu sein?
Alison lacht immer, wenn ich von meinen «grossen Kindern» spreche. Thomas ist 41, Toni, die uns zu Grosseltern gemacht hat, ist 36 und Mac ist 34. Unsere 18-jährige Zara studiert Journalismus. Sie will Kriegsberichterstatterin und dann Politikerin werden. Genevieve ist 13, verrückt nach Pferden und möchte nach Afrika in den Tierschutz gehen. Ich habe sehr viel Glück mit meiner Familie. Wir verstehen uns grossartig. Erst letzten Sonntag hatten Alison und ich alle Kinder und meine erste Frau Leonie zu Besuch. Ich fühlte mich wie das älteste Kind! (Lacht) Ich bin zwar 65, aber die Musik hält mich jung. Das erlaubt mir, auf allen Ebenen mit meinen Kindern zu kommunizieren.
Stimmt es, dass Sie ursprünglich Arzt werden wollten?
Ja, seitdem ich als Kind eine Knocheninfektion hatte, interessierte ich mich für Medizin und wollte Orthopäde werden. Ich besass Mikros-kope, Skalpelle und las Bücher über Chirurgie. Ich war ein bisschen ein Nerd, aber ich erkannte, dass ich nicht schlau genug war für all die Mathematik, Physik und Chemie, die ein Studium erfordert hätte. Popstar war da eine gute Alternative. Ich liebte die Musik und die Bühne, gab gerne Autogramme und konnte mit den Mädchen ausgehen, die mir gefielen.
Sie trennten sich 2017 von Spandau Ballet, die sich 2009 wiedervereinigt hatten, und sind wieder als Solokünstler auf Tournee. Lag es wieder an den Urheberrechtsstreitigkeiten mit Gary Kemp?
Nein, es waren andere Gründe, über die ich mich nicht auslassen möchte. Aber es ist traurig. Als wir die Band gründeten, glaubten wir ironischerweise noch, dass wir uns einmal nicht so zerstreiten würden wie so viele Gruppen aus den 60er- und 70er-Jahren. Aber ich versuche nicht an die schrecklichen Dinge zu denken, sondern an die schönen Momente mit Spandau Ballet, und wünsche den Jungs alles Gute.
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