30.09.2025 15:11
Ein leuchtendes Beispiel für die Zoos der Welt
Als erster Tiergarten in der westlichen Hemisphäre will der Walter Zoo in Gossau Glühwürmchen zeigen. Das «Leuchtturmprojekt» gehört zum Masterplan 2040 des Zoos und soll laut Direktorin Karin Federer helfen, die Besucher für den Natur- und Artenschutz zu gewinnen. - Von Sacha Beuth
Schritt für Schritt haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Immer tiefer geht es in die künstliche Höhle hinein. Die enorme Feuchtigkeit ist beinahe greifbar, als der Anlegesteg erreicht wird. Mit weiteren Abenteuerlustigen wird nun ein Boot bestiegen und eine einzigartige Reise unternommen. Eine Reise, die einen wie im nächtlichen Pandora im Avatar-Film in eine fantastisch leuchtende Welt führt. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es sich hier nicht um das Leuchten von computeranimierten Wesen, sondern um die Biolumineszenz von australischen Glühwürmchen, also echten Tieren handelt.
Noch ist die beschriebene Szene Fiktion. Doch im Walter Zoo sind die ersten Schritte zur Realisation dazu bereits eingeleitet. Als erster Zoo der westlichen Hemisphäre und als zweiter Zoo nach dem Tama Zoo in Tokio will der Tiergarten im sanktgallischen Gossau Glühwürmchen im Schaubereich zeigen. Und im Gegensatz zum Tama Zoo nicht nur in einer Vitrine, sondern in einer grossen, naturnahen und «durchfahrbaren» Umgebung. Die intern «Höhle der lebenden Lichter» genannte Anlage gehört einem einzigartigen «Leuchtturmprojektes für den Artenschutz» aus dem Masterplan 2040 an. Dieses wird aus zwei Teilen bestehen. Einerseits der beschriebenen künstlichen Höhle, in der neben Glühwürmchen in einem angeschlossenen «Science Center» auch weitere selbstleuchtende Lebewesen wie Quallen oder Phytoplankton gezeigt werden und das Prinzip der Biolumineszenz erklärt wird. Andererseits aus dem «Haus Reverse the Red», welches sich über der künstlichen Höhle befindet, mit dieser aber nicht direkt verbunden ist. Hier wird – ebenfalls mit teilweise lebenden Exponaten wie Feuersalamander oder Feldhamster – aufgezeigt, wie durch verschiedenste Massnahmen unterschiedlicher Akteure der Bedrohungsstatus einer Art von «rot» auf «grün» wechseln kann – ein wahrlich leuchtendes Beispiel, wie Zoos Arten- und Naturschutz angehen können. Der Walter Zoo plant, das «Haus Reverse the Red» im Frühling 2028 und die «Höhle der lebenden Lichter» im Herbst gleichen Jahres zu eröffnen. Veranschlagt dafür sind insgesamt 16,1 Millionen Franken, die über Spenden abgedeckt werden sollen.
Die Idee dazu stammt von Karin Federer, der Vorsitzenden der Geschäftsleitung des Walter Zoos. «Ich hatte schon lange den Wunsch, einmal im Zoo ein Projekt umzusetzen, das sich Tierphänomenen widmet. Zu diesen Phänomenen zählt die Biolumineszenz. Damit wird das «kalte» Leuchten von Tieren und Pflanzen bezeichnet, bei der über eine chemische Reaktion biologische Energie in Licht umgewandelt wird und das beispielsweise zu Anlocken von Beute benutzt wird», erklärt Federer.
Als Kandidaten kamen schnell heimische Glühwürmchen in Frage. Diese sind zoologisch gesehen keine Würmer, sondern Käfer der Gattung Lampyridae und sind mit drei Arten – Grosser Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca), Kleiner Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula) und Kurzflügel-Leuchtkäfer (Phosphaenus hemipterus) – in der nördlichen Schweiz vertreten. «Im Sommer kann man ihr nächtliches Treiben sogar auf dem Zoogelände mitverfolgen», erzählt Federer. Doch es gibt ein Problem: Bei allen drei Arten dauert die Leuchtphase nur wenige Tage bis maximal zwei Wochen und zwar vom Schlupf bis zur Paarung (Männchen) beziehungsweise bis zur Eiablage (Weibchen). «Das ist viel zu kurz für eine sinnvolle Zoo-Haltung, weshalb die Idee vorerst ad acta gelegt wurde».
Start ist geglückt
Das ändert sich 2023, als Federer auf einer Australienreise in der Nähe von Brisbane eine Höhle besucht, in der Glühwürmchen der Art Arachnocampa richardsae leben. Dabei handelt es sich um die Larven einer Pilzmücken-Species, deren Leuchtphase in diesem Stadium sechs bis neun Monate dauert. Federer ist sofort Feuer und Flamme, knüpft Kontakte mit australischen Experten und in der Folge auch mit dem Tama Zoo und erhält im April 2024 die ersten 200 Arachnocampa-Eier aus Tokio und später auch eine Brut aus Australien. Erstere kommen nicht auf, aber aus den Larven aus Downunder gelingt nicht nur die Verpuppung, sondern in der Folge auch der ganze Zucht-Zyklus. Der Aufwand dafür ist für so kleine, nur gerade 3 bis 30 Millimeter lange Lebewesen erstaunlich gross. «Sobald die Larven geschlüpft sind, müssen wir sie trennen, da sie kannibalistisch veranlagt sind. Ausserdem versuchen wir, sowohl das Futter wie die Oberflächenbeschaffenheit der Aufenthaltsplätze und die klimatischen Bedingungen – insbesondere die Luftfeuchtigkeit – noch zu optimieren», sagt Federer. Insgesamt verläuft die «Experimentierphase» erfolgreich. Bis jetzt konnten aus der eigens eigenrichteten Zuchtstation hinter den Kulissen schon 2000 Larven aus den kaum milimetergrossen Eiern schlüpfen. Federer ist denn auch optimistisch, dass der Bestand bis zur Eröffnung der Anlage wie geplant auf mehrere zehntausend Exemplare anwachsen wird und die Tiere die Besucher mit ihrer Leuchtkraft begeistern und als Botschafter für ihre durch Lichtverschmutzung, Pestizide und Lebensraumzerstörung stark bedrohten «Schweizer Verwandten» dienen können.
Weitere Informationen:
www.das-leuchtturmprojekt.ch
www.walterzoo.ch
Seine Existenz verdankt der Walter Zoo in Gossau Walter Pischl. Der aus einer Artistenfamilie stammende Österreicher hatte schon immer einen besonderen Draht zu Tieren. Nach einem Gastspiel im Zirkus Nock, wo er unter anderem eine Hundenummer aufgeführt hatte, wurde er mit seiner Schweizer Frau Edith und einer kleinen Menagerie Ende der 1950er Jahre in Hundwil sesshaft. Von hier aus besuchte er mit den Tieren mit einem eigenen Bus Schulen, um anhand lebender Beispiele und Vorträge klein und gross ebenfalls für die Tierwelt zu begeistern. In der Ostschweiz wurde Pischl weithin als «Tierli-Walter» bekannt. Doch schon bald machten dem Paar Platz- und Geldprobleme zu schaffen, weshalb man nach Gossau umzog und dort 1961 einen Zoo gründete. Was als bescheidene Anlage begann, hat sich zu einem international beachteten, modernen Tiergarten gemausert, der nun mit der 39-jährigen Karin Federer in der dritten Genera-tion geführt wird. Heute nimmt der Zoo ein Areal von etwa 10 ha ein, pflegt rund 1110 Tiere in 120 Arten und empfängt jährlich etwa 250 000 Gäste.