Masse statt Artenfülle
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um den Einfluss der Bevölkerungszunahme des Menschen auf die Tierwelt. - Von Severin Dressen
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um den Einfluss der Bevölkerungszunahme des Menschen auf die Tierwelt. - Von Severin Dressen
«Man kann kaum einen Zweifel hegen, dass der Mensch die Erde in weit höherem Masse verändert hat als jede andere Spezies.» Dieser heute mehr als aktuelle Satz stammt nicht von mir, sondern er geht zurück auf den Begründer der Evolutionsbiologie, Charles Darwin. Den Gedanken, dass der Mensch die alles dominierende Spezies auf unserem Planeten ist, formulierte er bereits 1871 in «The Descent of Man».
Als Darwin dies schrieb, war die Biomasse von wilden Säugetieren noch etwa gleich gross wie die von Menschen und den vom Menschen domestizierten Säugetieren zusammen. Also ein Verhältnis von etwa eins zu eins. Heute, gut 150 Jahre später liegt dieses Verhältnis bei etwa 1:23! Konkret: Auf die Biomasse aller wild lebenden Säugetiere – im Wasser wie an Land – kommt die 23-fache Biomasse an Menschen und deren Nutztieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich im renommierten Fachmagazin nature communications publizierte Studie.
Wahnsinn – war mein erster Gedanke, als ich einen Artikel dazu las! Dass es schlecht steht um unsere Artenvielfalt ist mir mehr als bewusst. Aber ein derartiger Sprung in nur etwa 150 Jahren verdeutlicht einmal mehr und auf sehr eindrucksvolle und ziemlich klare Weise, in welchem Tempo der Mensch die Welt verändert. Da kann die Evolution nicht mithalten.
Taucht man etwas tiefer in die Studie ein, zeigt sich, die Biomasse von Landsäugetieren ist seit 1850 um rund 50 Prozent eingebrochen, diejenige von Meeressäugern um 70 Prozent. Zeitgleich ist die Anzahl Menschen auf der Erde von 1,2 Milliarden auf heute 8 Milliarden angewachsen. Und mit ihr der Bedarf an Nutztieren und Platz. Im Zuge der Industrialisierung und dem Aufkommen moderner Technologien nahm auch die Jagd und damit der Druck auf die Tierwelt massiv zu. Nach Zahlen der Weltnaturschutzunion IUCN – das ist die Organisation, die auch die Rote Liste bedrohter Arten rausgibt – hat der Mensch in den vergangenen 500 Jahren mindestens 680 Tierarten ausgerottet. Und das ist eine sehr konservative Schätzung. Wirbellose wie Insekten, Pflanzen und Pilze sind hier gar nicht miteinbezogen.
Doch so tragisch der Verlust jeder einzelnen Art ist, der Blick auf die schiere Biomasse offenbart einen ganzheitlicheren Blick auf das Thema Artenverlust. Denn es zeigt, auch wenn eine Tierart noch existiert, dann doch oftmals in sehr reduzierter Anzahl.
Welche Folgen das wiederum für unsere Ökosysteme hat, die durch das Zusammenspiel verschiedener Arten erst funktionieren, ist oft gar nicht klar. Klar ist aber, der Verlust der Artenvielfalt, der Verlust von Arten allgemein, hat einen Einfluss.
Das bereits viel zitierte Beispiel der Insekten verdeutlicht es unmittelbar: keine Bestäubung, keine Ernte. Die Weltbevölkerung wird weiterwachsen und mit ihr der Bedarf an Platz und Nahrung. Wir sollten dennoch versuchen, das Gleichgewicht der Natur zumindest ansatzweise wiederherzustellen und die noch vorhandenen Lebensräume und Arten zu schützen – damit wir im Jahr 2175 nicht völlig ohne Wildnis dastehen. Das wäre auch unser Ende.
Weitere Informationen:
www.zoo.ch
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