26.11.2025 11:13
Buchführung für den Arterhalt
Um einen stabilen und genetisch variablen Bestand sicherzustellen, wird die Zucht gewisser Tierarten in Zoos über Zuchtbücher koordiniert. Direktor Severin Dressen erklärt im Quartalsinterview, wie dies genau funktioniert und warum solche Massnahmen immer wichtiger werden. - Von Sacha Beuth
Zoos kümmern sich schon seit über 100 Jahren um Erhaltungszucht. Zu den ersten Projekten gehörten Bison, Wisent und Davidshirsch, die heute ohne die Unterstützung von Tierparks wohl ausgestorben wären. Inwieweit hat sich die Erhaltungszucht seither verändert?
Severin Dressen: Die grundsätzlichen Aufgaben und Ziele sind die gleichen geblieben (siehe auch Box, die Red.). Die Abläufe sind heute natürlich automatisierter. Daten müssen kaum noch per Telefon vom Koordinator erfragt und von Hand eingetragen werden. Auch die Berechnung, welche Weibchen und Männchen am besten zusammen passen, wird heute in Sekundenschnelle über eine spezielle Software vom Computer erledigt. «Tinder» für Zootiere sozusagen. Zudem wissen wir heute über die Verwandtschaftsverhältnisse der jeweiligen Arten sehr viel besser Bescheid als früher. Es nehmen viel mehr Zoos aus viel mehr Ländern an den Erhaltungszuchtprogrammen teil. Handkerum werden auch wesentlich mehr Tierarten in einem Zuchtprogramm betreut.
Um die Zucht besser koordinieren zu können, wurden sogenannte Zuchtbücher geschaffen. Die ersten internationalen Zuchtbücher, die sogenannten ISBs, entstanden ab Mitte der 1960er Jahre. Heute haben ISBs aber an Bedeutung verloren. Warum?
ISBs werden über alle Kontinente geführt, sind somit generell sehr aufwändig und teuer. Veterinärmedizinische Hürden erschweren zudem den Austausch von Tieren. So ist es heute fast unmöglich, Paarhufer von Europa in die USA zu exportieren. Ausserdem ist es bei vielen Arten gelungen, eine genügend grosse und meist auch genetisch vielseitige Population innerhalb eines Kontinents aufzubauen, weshalb die Konzentration auf ein EEP für Europa beziehungsweise ein SSP für Nordamerika effizienter ist.
Der Zoo Zürich führt aktuell selbst sieben EEPs für Arabische Oryx, Impala, Burma-Leierhirsch, Galapagos-Riesenschildkröte, Hyazinthara, Kubataube und Rotschwanzamazone. Bei 62 weiteren ist er beteiligt. Wie gross ist der Aufwand, ein Zuchtbuch zu führen?
Das ist sehr abhängig von der jeweiligen Tierart. Je grösser deren Population ist und je mehr Haltungsfragen zu beantworten sind, desto aufwändiger ist es. Nehmen wir als Beispiel die Galapagos-Riesenschildkröte. Diese Tiere werden sehr alt und erst sehr spät geschlechtsreif. Der Aufwand ist somit überschaubar. Generell arbeiten alle unsere Kuratorinnen und Kuratoren in irgendeiner Form an einem EEP mit. Zu den Aufgaben gehört nebst den Zuchtempfehlungen und der Beantwortung von Haltungsfragen das Notieren und Kontrollieren von Meldungen von Geburten und Todesfällen, das Überprüfen potenzieller neuer Haltungen beziehungsweise Halter. Und man versucht wenn nötig, neue Halter zu finden. Die Aufgaben zur Zuchtbuchführung bewegen sich zwischen einem tiefen einstelligen bis tiefen zweistelligen Prozentbereich des Pensums eines Kuratorenjobs.
Welche Vorgaben müssen Zoos erfüllen, damit sie an EEP-Programmen teilnehmen können?
Sie müssen Mitglied der EAZA (Dachverband der europäischen Zoos und Aquarien, die Red.) und damit moderne wissenschaftliche Zoos sein, die sich dem Artenschutz, dem Naturschutz und der Bildung und Forschung widmen. Zudem müssen sie gewisse Haltungsanforderungen erfüllen, die von den erforderlichen Kenntnissen des Pflegepersonals über die anvisierte Tierart über die notwendige Anlagengrösse und -gestaltung bis zur Sicherstellung der Futterbeschaffung – bei Koalas etwa eine genügende Menge an täglich frischen Eukalyptusblättern – reicht.
Es gibt vereinzelte Kritik, dass die Zuchtbücher zu bürokratisch geführt werden. Um ein genetisch passendes Paar zusammenzustellen, würden gut züchtende Paare von Tierarten auseinandergerissen, die dann mit den neuen Partnern nicht harmonieren, so dass der gewünschte Nachwuchs ausbleibt.
Tatsächlich kommen solche Abwägungen von Risiken vor. Das ändert nichts daran, dass das Grundkonzept eines EEPs funktioniert und richtig – und übrigens auch sehr erfolgreich ist. Einige Tiere, wie beispielsweise gewisse Papageienarten, sind bei der Partnerwahl wählerischer als andere, das stimmt. Aus diesem Grund werden auf Weisung des Koordinators meist mehrere zuchttechnisch passende Männchen zu einem Weibchen geschickt, damit es ihren Favoriten auswählen kann. Abgesehen davon verhindert der Koordinator unter Umständen mit dem Trennen eines Zuchtpaares, dass gravierende Mutationen aufgrund der immer geringer werdenden genetische Vielfalt entstehen beziehungsweise sich im Bestand festsetzen.
Zuchtbücher haben auch zum Ziel, gewisse Unterarten rein zu erhalten. Also etwa nicht, wie es früher getan wurde, Amurtiger mit Sumatratigern, zu kreuzen. Handkerum werden durch die Genforschung laufend Unterarten und sogar Arten getrennt oder wieder zusammengeführt. Macht da eine Erhaltungszucht nach Unterarten überhaupt Sinn?
Gute Frage. Anzumerken ist, dass in den Anfängen der Zoos gar nicht bekannt war, dass es verschiedene Unterarten des Tigers oder auch von anderen Tierarten gibt. Und natürlich hatte und hat man teilweise immer noch das Problem, Hybride zu entdecken und auszusondern. Etwa bei den Orang-Utans, wo eine Vermischung zwischen Sumatra-Orang-Utan und Borneo-Orang-Utan nach heutiger Definition sogar auf Artstatus stattfand. Den Aufwand, den man für eine Unterarten-reine Population bei gewissen Tierarten macht, kann man schon manchmal anzweifeln. Zumal sich die Lebensräume gewisser Unterarten in der Natur überlappen und diese sich kreuzen, also ebenfalls Unterarten-Hybride entstehen.
Der Zoo Zürich führt unter anderem ein EEP für Impala, einer Tierart, die in Afrika so häufig vorkommt, dass sie in Touristenkreisen «Again-Antelope» genannt wird. Warum braucht es für diese nichtbedrohte Art ein EEP?
Auch dieses ist ein wichtiges EEP, weil es den Bestand an Impalas in den Zoos kontrolliert und für einen gesunden und genetisch möglichst variablen Bestand sorgt. Und weil es Raum schaffen kann für bedrohtere Antilopenarten. So kann der Impala-Koordinator den Bestand bewusst verknappen und Zoos, die zum Beispiel gerade eine neue Afrikaanlage eröffnet haben und nach geeignetem Arten dafür suchen, dazu bringen, die Anlage etwa mit der hochbedrohten Weissnacken-Moorantilope zu besetzen, da Impalas gerade nicht zur Verfügung stehen.
Wieviele Tierarten konnten dank der koordinierten Zoozucht wieder ausgewildert werden?
Zurzeit finden Wiederansiedlungsprojekte für etwa 90 Arten statt oder sind in Vorbereitung. Das reicht vom Eingangs erwähnten Wisent bis zu den indopazifischen Partula-Schnecken. Oder Luchs und Waldrapp, um Beispiele zu nennen, die auch die Schweiz betreffen.
Gibt es auch Beispiele, bei denen die Auswilderung nicht geklappt hat?
Rückschläge kommen vor. Vor allem der Faktor Mensch ist immer ein Risiko. Zum Beispiel beim Balistar, wo man vor etwa 20 Jahren in Zoos gezüchtete Exemplare gesammelt hat und wieder auswildern wollte. Leider wurden diese Exemplare direkt von Tierfängern wieder weggefangen und illegal verkauft.
Für welche Tierarten müssten dringend neue Zuchtbücher geschaffen werden und welche könnte man auslaufen lassen?
Die dafür zuständigen EAZA-Komitees schaffen oder reduzieren anhand der Bedürfnisse und Möglichkeiten der Zoos laufend die EEPs. Aktuell wäre aus meiner Sicht wünschenswert, wenn man für den bedrohten Orangeaugen-Laub-frosch, bei dem wir im Zoo Zürich kürzlich erste Zuchterfolge verzeichnen konnten, eines einrichten würde. Grundsätzlich braucht es immer mehr Zuchtprogramme, weil es immer mehr bedrohte Arten gibt. Gerade für kleine Tieren, die man nicht so wahrnimmt und nicht so kennt, aber für ein funktionierendes Ökosystem dennoch wichtig sind. Die Herausforderung ist darum, dass Zoos sich noch stärker bei der Beteiligung und der Führung von Zuchtbüchern engagieren und alle diesbezüglich ihren Anteil beitragen.
Zoo-Zuchtbücher kurz erklärt
ISB (International Studbook), EEP (EAZA-Ex-situ-Program, mit verbindlichen Zuchtempfehlungen) oder das nordamerikanische SSP (Species Survival Plans) sind Abkürzungen für Internationale oder regionale Datensammlungen zur Erhaltungszucht zumeist bedrohter Tierarten in Zoos und Aquarien. Ziel ist bei allen Zuchtbüchern, gesunde, sich selbst erhaltende Zoopopulation mit einer möglichst hohen genetischen Variabilität von bestimmten Tierarten oder -gruppen (= Taxa) sicher zu stellen – in der Regel ohne dafür auf Exemplare wildlebender Populationen zurückzugreifen. Vielfach werden zudem (überschüssige) Exemplare einem Wiederauswilderungsprogramm zur Verfügung gestellt. Verwaltet wird ein Zuchtbuch von einem sogenannten Koordinator, der verbindliche Empfehlungen für Verpaarungen erstellt und den Austausch von Tieren zwischen Zoos (mit-)organisiert. Ein Zuchtbuch enthält unter anderem Alter, Geschlecht und Abstammung eines Individuums sowie weitere, für die Zucht wichtige genetische und demografische Daten. Zurzeit gibt es EEPs für rund 500 Tierarten. SB