Ein wiederkehrendes Ritual
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um die Beringung von Jungstörchen. - Von Severin Dressen
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um die Beringung von Jungstörchen. - Von Severin Dressen
«Same procedure as every year» wäre eigentlich noch ein guter Titel fürs heutige Kolumnenthema: Die Beringung der Jungstörche. Eine Aktion, die nun schon seit über 30 Jahren immer im Frühjahr im Zoo Zürich stattfindet und mehr oder weniger ähnlich abläuft: Jeder der aktuell 25 Horste wird von unserem speziell ausgebildeten Beringungsteam inspiziert und jeder Jungstorch beringt.
Die Ringe stammen von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, die ein schweizweites Monitoring der Weissstorch-Population betreibt und damit die erfolgreiche Wiederansiedlung der Art- – der Weissstorch galt 1950 in der Schweiz als ausgestorben – dokumentiert. Jeder Ring trägt eine individuelle Kennnummer, die nur ein einziges Mal vergeben wird, das Kürzel HES – quasi der Ländercode, Helvetia Schweiz – und die Adresse der Vogelwarte. Damit ist jeder Storch nicht nur schweizweit, sondern weltweit eindeutig zuordbar.
Der Ring selbst wird oberhalb vom Knöchel angebracht. Das mag nun verwirrend klingen, sollten Sie schon mal einen beringten Storch gesehen haben. Denn ein Laie würde wohl behaupten, der Ring sitze oberhalb vom Knie. Wie so oft bei unserem Blick ins Tierreich, ist das eine sehr menschliche Sichtweise, die aber selten stimmt.
An dieser Stelle daher ein kurzer Exkurs in die Storchenanatomie. Nehmen wir den Ring als Orientierungspunkt. Dieser sitzt beim Storch auf dem Schienbein. Der Knubbel drunter ist der Knöchel, dann folgt der Mittelfuss und ganz unten die Zehen. Störche stehen also nicht auf dem gesamten Fuss, sondern vor allem auf den Zehen. Das Knie wiederum versteckt sich unter dem Federkleid und ist quasi nicht zu sehen. Manchmal können unsere Chileflamingos dabei beobachtet werden, wie sie tatsächlich auf ihren Füssen stehen. Das sieht dann für unser menschliches Verständnis recht merkwürdig aus.
Aber zurück zu den Jungstörchen. 47 Tiere konnte das Team dieses Jahr bereits Ende Mai beringen. Während das Beringen seit jeher ähnlich abläuft, ist der Weg zum Horst leichter geworden. Der höchste Horst im Zoo ist fast 14 Meter hoch. Wo früher noch Leitern und Schwindelfreiheit gefragt waren, unterstützt nun bereits seit vielen Jahren Schutz und Rettung Zürich mit einem Drehleiterfahrzeug. Und in diesem Jahr kam erstmals auch Drohnentechnik zum Einsatz. Zwar nicht bei der Beringung, aber bei der vorangehenden Zählung und Dokumentation der Jungtiere und ihrer Aufzucht. Alle Storchenhorste im Zoo stehen ab Tag eins der Rückkehr der Störche unter regelmässiger Beobachtung. Wer bandelt mit wem an? Sind neue Störche Teil der Kolonie? Wie entwickeln sich Eier und Küken?
Auch wenn technische Neuerungen das Weissstorch-Monitoring erleichtern, Erfahrung, geschulte Handgriffe und das richtige Timing können sie nicht ersetzen. Und so heisst es für unser Storchenteam auch nächstes Jahr wieder: «Same procedure as every year.» Damit der Weissstorch in der Schweiz nicht noch einmal ausstirbt.
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