Grenzland des Widerstands
Zwischen 1943 und 1945 spielt sich an der Schweizer Südgrenze ein dramatischer Kampf italienischer Partisanen ab. Ein neues Buch beleuchtet dieses Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Von Jan Strobel
Partisanen aus der Region Ossola im Herbst 1944 in Bern. Bild: St.AAG/RBA
Zwischen 1943 und 1945 spielt sich an der Schweizer Südgrenze ein dramatischer Kampf italienischer Partisanen ab. Ein neues Buch beleuchtet dieses Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Von Jan Strobel
Die drei Männer blicken im Herbst 1944 erschöpft und gezeichnet in die Kamera. Sie sind Schiffbrüchige der Geschichte. Der Krieg allerdings konnte ihr Lächeln nicht verwischen. Es ist ein Zeichen ihrer Resilienz, vielleicht auch ihrer Abenteuerlust. Es ist ein Lächeln der Überzeugung, für die richtige Sache zu kämpfen. Geschossen wurde dieses Bild in Bern. Die drei jungen Männer sind Partisanen aus der Region Ossola im Piemont an der Grenze zum Tessin und zum Wallis. Ungefähr 3500 italienische Partisanen flohen in jenem Spätherbst und den folgenden Monaten über die Grenze in die neutrale Schweiz. Sie landeten danach in Arbeitslagern in der Deutschschweiz, unter anderem auch im Kanton Zürich. Im Januar 1945 wurde zum Beispiel in Wetzikon ein «Schullager» für 195 junge Partisanen eingerichtet. «Alle sehen ungewaschen und schmutzig aus», rapportierte der Kommandant des Lagers an das Eidgenössische Komissariat für Internierung und Hospitalisierung.
Das Ossolagebiet mit dem Haupt-ort Domodossola hatte sich ab September 1943 – mit dem Waffenstillstand zwischen den Alliierten und Italien – in eine Kampfzone direkt vor der Schweizer Südgrenze verwandelt. Gegen die deutsche Besatzung Norditaliens und den verbliebenen faschistischen Rumpf- und Marionettenstaat Mussolinis kämpften auch in den Bergtälern rund um Domodossola und an den Ufern des Lago Maggiore verschiedene Partisaneneinheiten mit beeindruckender Kampfkraft. Sie manifestierte sich in der Schaffung einer kurzlebigen freien Partisanenrepublik Ossola.
Auf diese heute fast vergessene Arena in der Endphase des Zweiten Weltkriegs werfen die beiden Historiker Raphael Rues und Andrej Abplanalp in ihrem glänzend recherchierten Buch «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943 – 1945» ein vertiefendes Licht. Raphael Rues ist spezialisiert auf das Tessin und die deutsch-faschistische Präsenz in Norditalien. Andrej Abplanalp ist Kommunikationschef der Schweizerischen Nationalmuseums und hat zur Partisanenrepublik Ossola geforscht und selbst in Domodossola gelebt. «Dieser Kriegsschauplatz war zwar klein. Er zeigt aber im Kleinen ein grosses Bild, die ganze Komplexität des Kriegsgeschehens in Italien und wie es die Schweiz direkt betraf», sagt Andrej Abplanalp.
Die Gefechte zwischen den Partisanen und den deutschen und faschistischen Soldaten spielten sich bisweilen direkt an der Schweizer Grenze ab, etwa im Oktober 1944 bei den Bagni di Craveggia. Mehrere hundert Partisanen hatten sich dort versteckt, um in die Schweiz fliehen zu können. Unterstützung für die Partisanengruppen kam von Tessinerinnen und Tessinern, sei es durch Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Mitgetragen wurde der Widerstand ebenso von der Tessiner Presse und der Kirche. Einige Helfer hatten bereits im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, andere schlossen sich aktiv den Partisanen an.
Der Widerstand erreichte seinen kurzzeitigen Triumph mit der Vertreibung der Besatzungstruppen und der Schaffung der freien Partisanenrepublik Ossola im September 1944. «Dieser Staat war in gewissen Bereichen erstaunlich erfolgreich», betont Andrej Abplanalp. «Er baute eine eigene Nationalgarde als Polizei auf, die ersten Schweizer Züge fuhren wieder in den Bahnhof von Domodossola ein und nicht zuletzt wurde mit Gisella Floreanini die erste Frau in der italienischen Geschichte in eine Regierungsposition berufen.» Der Zusammenbruch der Partisanen-republik kam jedoch bereits im Oktober 1944. Das Gebiet wurde erneut durch deutsche und faschistische Truppen besetzt – und mit ihnen kehrte das Regime der brutalen Härte wieder zurück.
Raphael Rues und Andrej Abplanalp schlagen in ihrem Buch auch einen Bogen nach Zürich. Tatsächlich spielte die Stadt im Verlauf des italienischen Kriegsgeschehens eine Rolle, immerhin galt sie als eine zentrale Drehscheibe der Nachrichtendienste, insbesondere auch für das US-amerikanische Office of Strategic Services (OSS) – die Vorgängerorganisation der CIA – und den britischen Special Operations Executive (SOE). Ebenso waren deutsche Geheimdienste in der Schweiz aktiv. In einer Zürcher Wohnung, vermutlich an der Genferstrasse im Enge-Quartier, kam es am 8. März 1945 zu einem Treffen zwischen Allen Dulles, dem Gesandten des OSS in der Schweiz und späteren CIA-Direktor, mit Karl Wolff, General der Waffen-SS und deutscher Polizeiführer in Italien. Es war der Beginn der «Operation Sunrise», der Kapitulationsverhandlungen für Norditalien zwischen den Alliierten und den Deutschen. Als «Zeichen des guten Willens» hatte der SS-Mann zwei verletzte italienische Partisanenführer mit nach Zürich gebracht und sie unter Decknamen in der Klinik Hirslanden unterbringen lassen.
«Das Buch verbindet erstmals die verschiedenen Perspektiven dieses Konflikts in einer Gesamt-darstellung: Schweizer Behörden, Tessiner Bevölkerung, Partisanen, alliierte Geheimdienste, Besatzungstruppen und Zivilbevölkerung», sagt Andrej Abplanalp.
Die Buchvernissage fand am 11. März im Käfigturm in Bern statt. Just am selben Tag behandelten die eidgenössischen Räte in der Frühjahrssession eine parlamentarische Initiative zur Rehabilitierung der Schweizerinnen und Schweizer, die im Zweiten Weltkrieg in fremden Armeen oder in der Fluchthilfe gegen den Faschismus gekämpft haben. Eine Mehrheit im Nationalrat stimmte dem Vorstoss zu. Der Ständerat muss ich mit der parlamentarischen Initiative noch beschäftigen. Die Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats hatte dazu bereits im vergangenen Oktober unter anderem auch Historiker und Buchautor Raphael Rues angehört.
In Zürich findet eine Veranstaltung zum Buch am 24. April im Schweizerischen Sozialarchiv statt (18.30 Uhr).
Weitere Informationen:
Raphael Rues, Andrej Abplanalp: «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945».
Verlag Hier und Jetzt
ISBN: 978-3-03919-666-1
www.kampfzoneossola.ch
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