Nächte an der Zwinglistrasse
Die wechselvolle Geschichte der Zwinglistrasse 35 erzählt, wie sich das Langstrassenquartier seit den 1960er-Jahren zum Ausgehviertel wandelte. - Von Jan Strobel
In-Beiz der 1980er-Jahre mit prominentem Besitzerpaar: Das Clublokal «Ochse». Bild: ETH-Bibliothek/Hans-Peter Bärtschi
Die wechselvolle Geschichte der Zwinglistrasse 35 erzählt, wie sich das Langstrassenquartier seit den 1960er-Jahren zum Ausgehviertel wandelte. - Von Jan Strobel
Im «Crazy Girl» wies ein Revolver den Weg zur Herrentoilette, deren Wände mit Witzen aus dem «Playboy» tapeziert waren. Vorne, im Disco-Club mit seinen knalligen Pop-Ornamenten, sorgten Plattenansager und Bardamen im Minirock für Stimmung. «What can be hotter than that!», nahm eine Aufschrift im Lokal den Groove vorweg. Das «Crazy Girl» an der Zwinglistrasse 35 in Aussersihl gehörte 1968 zu den neuen Hotspots für Zürcher Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmer. Tatsächlich begann sich ab den späten 1960er-Jahren im Langstrassenquartier ein zweites Ausgehviertel neben dem Niederdorf heraus-zubilden. «Könnte Aussersihl zum zweiten Dörfli werden?», fragten sich damals auch die «Neuen Zürcher Nachrichten». Die Liegenschaft an der Zwinglistrasse 35 steht exemplarisch für diesen Wandel des Quartiers und dafür, wie sich Behörden mit der Entwicklung schwer taten.
Bevor das «Crazy Girl» Anfang 1968 eröffnete, hatte sich an der Adresse zunächst das erste Restaurant der «Società Cooperativa Italiana Zurigo» und dann das Res-taurant Zwinglihof befunden. Im Oktober 1967 reichte die Erben-gemeinschaft Strekeisen als Eigentümerin des Hauses bei der kantonalen Finanzdirektion ein Gesuch für einen Umbau des Restaurants in eine Bar inklusive zweier Theken ein. In den 1960er-Jahren war die Finanzdirektion für das Gast-gewerbewesen zuständig. Bei den Zürcher Behörden allerdings kam der Plan der Strekeisens nicht gut an. Die Errichtung der Bartheken wurde per Dekret verweigert. Eine Bar, so die spassbefreite Argumentation aus der Amtsstube, bedeute «eine unerwünschte Intensivierung des Restaurationsbetriebs durch erhöhten Alkoholkonsum». Ausserdem bestehe im Kreis 4 kein Bedürfnis nach neuen Bars, liess die Finanzdirektion verlauten. Im Gegenteil: Den wie Pilzen aus dem Zürcher Pflaster hervorschiessenden Bartbetrieben müsse «Einhalt geboten werden». Bodenständige Speisewirtschaften seien ebenso wichtig.
Die Erbengemeinschaft reichte Rekurs gegen die in ihren Augen «verfassungswidrige» Verfügung ein. Doch es half nichts. Im «Crazy Girl» mussten die Bardamen mühsam von einer «Ausschankstelle» im diskreten Hintergrund her den Gästen die Drinks servieren. Die Frage, was genau eine Bar ausmachte, begründete die Finanzdirektion mit der Art und Weise der Bedienung.
Lange hielt sich das «Crazy Girl» angesichts dieser Auflagen natürlich nicht, oder anders gesagt: Das «Crazy Girl» war «traurig», wie es in einer zeitgenössischen Schlagzeile hiess. Irgendwann verschwand das «verrückte Mädchen» von der Zwinglistrasse. Doch auch der Nachfolgebetrieb, der Disco-Club «Revolution», war den Behörden ein Dorn im Auge. Immerhin waren es revolutionäre, aktivistische Zeiten, schon der Name des Clubs mochte einige Zürcherinnen und Zürcher in Schnappatmung versetzen. 1972 wurde dem Lokal das Wirtepatent entzogen. Im «Revolution» seien Drogen konsumiert und gehandelt worden, lautete die Begründung.
Wenige Wochen später eröffnete ein neues Clublokal mit dem unverdächtig alt-schweizerischen Namen «Ochse». DJ Paul Aellen legte «neue und anspruchsvolle Popmusik» auf. Der «Ochse» avancierte zu einer Party-Institution im Kreis 4. Und dann betrat Anfang der 1980er-Jahre auch noch eine «Sexbombe», das «Schweizer Busenwunder» Monika Kaelin, die Bühne. 1982 kaufte die Schauspielerin und Sängerin zusammen mit dem Fussballer und späteren Ehemann Fritz Künzli das Lokal. Der «Ochse» wurde vollends zum In-Lokal. «Ich stecke Ziel um Ziel immer wieder ab. Der 'Ochse' ist meine Sicherheit», erzählte Monika Kaelin 1983 gegenüber dem «Brückenbauer».
In den 1990er-Jahren verschwand auch der «Ochse» wieder. Schnell ging es bergab. Der Nachfolgebetrieb wurde nach einer Aktion gegen Drogendealer 1995 polizeilich geschlossen, und die Zwinglistrasse machte Schlagzeilen als unsicheres Pflaster. Die wechselvolle Geschichte der Zwinglistrasse 35 erzählt ein Stück Geschichte des Langstrassenquartiers selbst – vom Ausgangsviertel, zur Problemzone und zur kreativen Stadtlandschaft. Heute ist im Haus eine Designagentur eingemietet.
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