Pusteln und Juckreiz am ganzen Körper: Nesselfieber ist eine der möglichen allergischen Reaktionen nach einem Insektenstich. Bild: AdobeStock
17.06.2026 02:00
Gefährliche Reaktionen
Insektenstiche Der Sommer bringt nicht nur Sonnenschein und Wärme, sondern auch allerlei stechende Insekten mit sich. Deren Gifte können beim Menschen teilweise lebensgefährliche Allergien auslösen. Das «Tagblatt» hat bei Nadia Ramseier, Projektleiterin bei aha! Allergiezentrum Schweiz, nach Tipps gefragt. - Von Sacha Beuth
Wieso reagieren einige Personen allergisch auf Insektenstiche und andere nicht?
Nadia Ramseier: Bei einer Insektengiftallergie stuft das Immunsystem bestimmte Eiweisse im Gift fälschlicherweise als gefährlich ein. Nach einer Sensibilisierung – das heisst nach einem ersten Kontakt – kann bereits ein einzelner Stich eine überschiessende Abwehrreaktion auslösen. Warum manche Menschen betroffen sind und andere nicht, ist nicht vollständig geklärt.
Wie äussern sich die allergischen Reaktionen? Was sind typische Symptome?
Eine allergische Reaktion ist nicht mit einer starken lokalen Reaktion zu verwechseln. Typisch sind Nesselfieber, Schwellungen und Juckreiz am ganzen Körper, Übelkeit oder Erbrechen. Bei schweren Reaktionen kommen Schwindel, Atemnot, Herzrasen, Blutdruckabfall oder Bewusstlosigkeit hinzu. Die Beschwerden beginnen meist innerhalb von Minuten nach dem Stich.
Welche Massnahmen sollten Allergiker treffen, wenn sie gestochen wurden? Unter welchen Umständen besteht Lebensgefahr?
Allergiker sollten ihr Notfallset stets dabeihaben und die verordneten Medikamente nach einem Stich sofort einnehmen. Treten Atemnot, Kreislaufbeschwerden oder Bewusstseinsstörungen auf, muss umgehend Adrenalin angewendet und der Notruf 144 alarmiert werden. Dann besteht Lebensgefahr durch Anaphylaxie (= allergischer Schock).
Die Stiche welcher Insektenarten rufen besonders häufig allergische Reaktionen hervor und warum?
In der Schweiz sind Bienen- und Wespenstiche die häufigsten Auslöser schwerer allergischer Reaktionen. Ihr Gift enthält Eiweisse (Allergene), gegen die sich bei empfindlichen Personen spezifische IgE-Antikörper (= spezielle Eiweissstoffe des Immunsystems, deren Hauptaufgabe die Abwehr von Parasiten ist) bilden können. Bei einem erneuten Stich kann dies zu einer allergischen Reaktion bis hin zur Anaphylaxie führen. Hornissen gehören biologisch ebenfalls zu den Wespen. Wichtig: Wer auf Bienengift allergisch reagiert, reagiert jedoch nicht automatisch auch auf Wespen- oder Hornissengift allergisch.
Viele Leute wissen nicht, dass auch Hummeln stechen können. Unter welchen Umständen stechen diese und wie stark ist deren Gift?
Hummeln sind friedlich und stechen meist nur, wenn sie sich bedroht fühlen, gequetscht oder ihr Nest gestört wird. Im Gegensatz zu Honigbienen können Hummeln mehrfach stechen, da ihr Stachel keine Widerhaken besitzt. Ihr Gift ähnelt dem von Honigbienen. Für Allergiker kann auch ein Hummelstich eine relevante oder sogar schwere allergische Reaktion aus-lösen.
Inwieweit ist auch die Grösse des Insekts bei der Stärke der allergischen Reaktion entscheidend?
Die Grösse des Insekts ist für die Stärke der allergischen Reaktion nicht entscheidend. Bei Betroffenen kann bereits eine sehr kleine Menge Gift eine schwere allergische Reaktion auslösen. Das Gift der Hornisse ist also nicht giftiger. Mehrere Stiche führen jedoch zu einer höheren Dosis und können stärkere Reaktionen verursachen. Übrigens: In Mitteleuropa gibt es verschiedene Echte Wespenarten, doch nur wenige kommen regelmässig in engen Kontakt mit Menschen. Besonders die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe suchen im Spätsommer häufig süsse Speisen, Getränke oder Fleisch auf und verursachen deshalb die meisten Wespenstiche. Hornissen sind trotz ihrer Grösse meist weniger aggressiv als ihr Ruf vermuten lässt und stechen deutlich seltener.
Haben Umwelteinflüsse wie zum Beispiel das Klima Einfluss auf die Stärke einer allergischen Reaktion?
Klima und Wetter beeinflussen vor allem Aktivität und Verbreitung von Insekten und damit das Stichrisiko. Die Stärke einer allergischen Reaktion wird jedoch primär durch die individuelle Empfindlichkeit und die Immunreaktion der betroffenen Person bestimmt.
Können auch die Stiche von blutsaugenden Insekten wie Mücken, Schnaken, Bremsen oder Flöhe
allergische Reaktionen auslösen?
Stiche oder Bisse dieser Insekten können starke lokale Schwellungen, Rötungen und Juckreiz auslösen. Schwere allergische Allgemeinreaktionen sind deutlich seltener als bei Bienen- oder Wespenstichen, kommen aber vereinzelt vor und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Was ist mit Haustieren wie Hunden und Katzen? Besteht bei diesen ebenfalls die Möglichkeit, dass sie allergisch auf Insektenstiche reagieren?
Ja. Hunde und Katzen können auf Insektenstiche allergisch reagieren. Typische Anzeichen sind Schwellungen, Juckreiz, Hautreaktionen oder Atemprobleme. Bei
starken Beschwerden oder Schwellungen im Kopf- und Halsbereich sollte rasch tierärztliche Hilfe gesucht werden.
Vorbeugen ist bekanntlich besser als heilen. Wie verhindert man
Insektenstiche am besten?
Keine süssen Speisen oder Getränke offen stehen lassen, nicht barfuss über Wiesen laufen, hektische Bewegungen vermeiden und im Freien auf gedeckte Kleidung achten. Allergiker sollten zudem ihr Notfallset immer bei sich tragen und sich über eine spezifische Immuntherapie beraten lassen.
Weitere Infos für Betroffene und Angehörige zu Symptomen, Notfallmassnahmen und Behandlungsmöglichkeiten auf:
www.aha.ch/insektengift
Für persönliche Fragen steht zudem die kostenlose aha!infoline unter Tel. 031 359 90 50 zur Verfügung.