Tammy Gross darf nach über 30 Jahren keine Kinder mehr hüten. Sie leidet unter der Schliessung von @Tammy's. Eltern gehen auf die Barrikaden. PD
16.04.2025 10:19
Protest gegen Schliessung
Tammy Gross hat über dreissig Jahre lang einen Kinderhütedienst im Seefeld betrieben. Ihr beliebtes Konzept: Flexible, spontane Betreuung ohne Verträge und fixe Zeiten. Jetzt hat die Stadt ihren Betrieb nach jahrelangem Streit geschlossen. Eltern protestieren dagegen. Jetzt schalten sich auch Zürcher Politiker ein. - Von Ginger Hebel
Tammy Gross liebt Kinder über alles. 32 Jahre lang betreute die Kindergarten-Lehrerin Babys und Kinder spontan und flexibel in zwei nebeneinanderliegenden Wohnungen im Zürcher Seefeld. Eltern konnten ihre Sprösslinge spontan vorbeibringen, wann immer sie wollten. Für 25 Franken pro Stunde, ohne fixe Verträge, ohne Anzahlung, für eine Stunde oder länger. Jetzt ist damit Schluss. Die Stadt Zürich hat den Hütedienst @Tammy's geschlossen – nach jahrelangem Streit. Der Grund: Tammy Gross fehlt die Bewilligung, die es in ihren Augen aber nicht braucht. Weil sie immer wieder betonte, keine Kita zu führen, sondern ein Babysitter-Center. Die Stadt sieht das anders.
Eltern protestieren
Eltern protestierten vor geschlossenen Türen gegen die Schliessung. Sie sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, wo sie ihre Kinder jetzt spontan betreuen lassen können. «Kitas führen oft lange Wartelisten und sind sehr teuer. Tammy hat meine Buben liebevoll betreut, wenn ich einen dringenden Termin oder berufliche Verpflichtungen hatte. Sie gingen unglaublich gerne zu ihr», sagt die alleinerziehende Mutter Fiona Keller. Auch Eleonore Jackson bedauert die Schliessung. Sie hat die Flexibilität des englischsprachigen Hütedienstes enorm geschätzt. «Viele Expats haben hier kein familiäres Netz und auch keine Grosseltern, die einspringen. Viele berufstätige Eltern sind auf flexible Lösungen angewiesen», sagt Jackson. Sie kennt viele Betroffene, die ohne die Unterstützung von Tammy Gross aufgeschmissen sind und jetzt sogar mit dem Gedanken spielen, wegzuziehen, weil in der Stadt flexible Betreuungslösungen und Alternativen zu städtischen Kitas fehlen. Der Stadtzürcher SVP-Politiker Samuel Balsiger findet klare Worte: «Die Schliessung ist ein grober Behördenfehler. Ein stundenweiser Babysitterdienst stellt per Definition keine familienergänzende Betreuungsmöglichkeit dar.» Mit den Politikern Michele Romagnolo und Yves Peier setzt er sich dafür ein, dass Tammy Gross ihren Kinderhütedienst weiterhin betreiben kann. Sie fordern den Stadtrat daher auf, zu prüfen, wie er der Kinderhüte eine Betriebsbewilligung erteilen kann, die nicht auf der «Verordnung über die familienergänzende Kinderbetreuung in der Stadt Zürich (VO KB) basiert.
Die Schweiz belegt in Sachen Kinderbetreuung im internationalen Vergleich einen Schlussplatz. Zwei Tage in einer Kita kosten eine Familie mit zwei Kindern über 2000 Franken pro Monat. Viele Mütter verzichten daher auf eine Erwerbstätigkeit nach der Geburt. Der Nationalrat will, dass der Bund Zuschüsse an die Kosten der familienexternen Kinderbetreuung leistet und Kitas mit 710 Millionen Franken pro Jahr unterstützt. «Kitas müssen übertrieben hohe Auflagen erfüllen, daher sind sie staatlich verordnet viel zu teuer. Tammy’s Daycare Center hat die Kinderhüte unkompliziert abgewickelt, günstiger und mit besseren Strukturen. Damit ist sie für die Stadt ein Problem», ist Samuel Balsiger überzeugt.
Die Dringlichkeit des Vorstosses wird heute Mittwoch im Gemeinderat behandelt. Findet er keine Mehrheit und korrigiert der Stadtrat den in den Augen der Politiker groben Behördenfehler nicht eigenständig, prüft Balsiger eine Beschwerde beim Bezirksrat einzureichen.
«Der Betrieb hat keine Bewilligung»
Tammy Gross hat 32 Jahre lang Kinder betreut. Jetzt hat die Stadt @Tammy's geschlossen. Zum Unverständnis der Betreiberin und vieler Eltern. Warum dieser Schritt?
Heike Isselhorst, Sprecherin des Sozialdepartements: Der Bezirksrat hat in seinem Urteil von 2015 die grundsätzliche Bewilligungspflicht des Angebots festgestellt. Im Kanton Zürich ist eine solche Bewilligung erforderlich für Betreuungsangebote, die gegen Entgelt wöchentlich mindestens 25 Stunden Betreuung leisten und regelmässig sieben oder mehr Plätze anbieten. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen definieren die Minimalanforderungen an die professionelle familienergänzende Betreuung von Kindern im Vorschulalter. Die kantonalen Vorgaben gelten für alle Betreuungsangebote im Kanton Zürich und müssen von der Krippenaufsicht der Stadt Zürich umgesetzt werden. Rechtlicher Spielraum im Sinne einer Auslegung der Vorschriften existiert nicht. Eine solche Bewilligung hat der Betrieb bis heute nicht.
Besteht die Möglichkeit, dass wieder eröffnet werden kann?
Der Betrieb kann wieder eröffnet werden, wenn entweder die erforderlichen Unterlagen und Nachweise eingereicht und eine Krippenbewilligung erteilt werden kann oder, wenn das Angebot nachweislich so angepasst wird, dass es nicht mehr bewilligungspflichtig ist. Entscheidend ist, dass ein rechtmässiger Zustand erreicht wird.
Viele Eltern schätzten die Flexibilität von @Tammy's. Sie beklagen die fehlenden spontanen und günstigen Betreuungsangebote in der Stadt Zürich. Ihre Meinung?
Einkaufszentren, Sportstätten sowie Co-Working-Spaces bieten in der Stadt Zürich stundenweise Betreuung von Kindern an. Zudem existieren in den Quartieren diverse Babysitting-Vermittlungsstellen, bei denen ebenfalls kurzfristige Hütedienste in Anspruch genommen werden können.