Das «Allianz Cinema» am Zürichhorn versperrt einen Monat lang den See-zugang. Dagegen wehren sich die Anwohner. Bild: Allianz Cinema
08.07.2025 14:20
Beschwerde: Open-Air-Kino versperrt Seezugang
Das private «Allianz Cinema» am Zürichhorn besetzt während Wochen das Seeufer. Anwohner wehren sich gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums. Laut Behörden überwiegt das öffentliche Interesse an der kulturellen Veranstaltung. - Von Clarissa Rohrbach
Kino oder See? Diese Frage stellt sich am Zürichhorn, wo ab nächster Woche das Open-Air-Kino «Allianz Cinema» stattfindet. Auf einer der grössten Freiluftleinwände der Schweiz werden jeden Abend während eines Monats Filme gezeigt. Der Anlass besteht seit 36 Jahren und ist beim Publikum beliebt, rund 50 000 Gäste besuchen jährlich die Veranstaltung. Es gibt aber auch Leute, die sich ab dieser Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes stören. So hat sich der Anwohner Hans Wyss* mit einer Beschwerde an die Ombudsstelle der Stadt Zürich gewandt, wie diese in ihrem Jahresbericht 2024 schreibt. Das Kino blockiere den Seezugang und versperre die Sicht auf die Glarner Alpen, beklagt er. «Es ist nicht angebracht, diesen Rückzugsort der Allgemeinheit vorzuenthalten und ihn für den abendlichen Kinoplausch einer Minderheit grossflächig und so lange zu sperren», sagt Wyss. Das Interesse der Allgemeinheit am See sei wichtiger als jenes der Kinogänger.
Der Ombudsmann Pierre Heusser, der dafür verantwortlich ist, bei Konflikten zwischen Bevölkerung und Verwaltung zu vermitteln, prüfte die Beschwerde. Er erklärt, dass laut städtischen Veranstaltungsrichtlinien im Sommer Open-Air-Kinos bewilligt werden, die von Quartier- und anderen Vereinen organisiert sind und bis zu zehn Tage pro Jahr dauern. Das Kino am See benötigt eine Ausnahmebewilligung. Diese wurde erstmals vom Sicherheitsdepartement (SID) ausgestellt und in den Folgejahren von der Stadtpolizei. Voraussetzung für die Bewilligung: Es muss ein öffentliches Interesse bestehen. «Im Falle vom ‚Kino am See’ liegt ein solches Interesse eindeutig vor», sagt SID-Sprecherin Katharina Schorer. Sie spricht von einem «Veranstaltungsklassiker», der ein breites Publikum anspriche und nicht als Interesse einer Minderheit angesehen werde. Der Ombudsmann befindet diese rechtliche Grundlagen als plausibel und richtig. Es sei aber irritierend, dass von einer Ausnahme gesprochen werde, handle es sich doch um eine seit Jahrzehnten etablierte und wiederkehrende Veranstaltung. Zudem monierte er, dass der Begriff «öffentliches Interesse» konkretisiert werde müsse und sich mit der Zeit auch wandeln könne. Deshalb empfiehlt er, die Interessensprüfung jedes Jahr vorzunehmen.
See nicht zugänglich
Hans Wyss, der die Beschwerde einreichte, ist nicht der Einzige der sich über den Anlass ärgert. Auch der Quartierverein Riesbach wehrt sich gegen das Kino am See. «Aus einer gut gemeinten Initiative wurde ein Dauerbetrieb, der seit Jahrzehnten den öffentlichen Raum in Beschlag nimmt», sagt Co-Präsident Martin Schmid. Der See sei sehr begehrt und müsse für alle zugänglich bleiben. «Es ist falsch, dass mit einer kommerziellen Veranstaltung auf öffentlichem Grund Geld gemacht wird.» Der Quartierverein verzichte zwar auf rechtliche Schritte, mache sich aber dafür stark, dass der Anlass nicht ausufere. Laut Martin Schmid sei es kein Argument, dass das Kino viele Leute begeistere, das öffentliche Interesse am Seezugang sei grösser. «Diese Okkupation des Stadtraums durch Private stört uns», sagt er, «ein schöner Ort wird wochenlang verschandelt, der Rasen ist danach auch zerstört». Der Quartierverein sei deswegen seit Jahrzehnten gegen das Open-Air-Kino am Zürichhorn.
Laut Katharina Schorer vom SID, ist die Balance zwischen Nutzung der öffentlichen Räume und Schutz der Anwohnenden in einer grossen Stadt wie Zürich eine Herausforderung. «Wir nehmen die Bedürfnisse der Anwohnenden sehr ernst, doch in einer lebendigen Stadt wie unserer gibt es auch das Bedürfnis den öffentlichen Raum für kulturelle Veranstaltungen wie das Kino am See zu nutzen», sagt sie. Open-Air-Kinos würden zum fixen Sommer-Kulturprogramm in praktisch allen grossen Städten in der Schweiz gehören. Das «Allianz Cinema» am Zürichhorn würde regelmässig mehrere zehntausende Besucherinnen und Besucher ansprechen, da sei ein öffentliche Interesse gegeben. Ausserdem sei laut Schorer der Betrieb auf wenige Wochen beschränkt.
«Sicht ist gewährt»
Die Veranstalter des «Allianz Cinema» sehen kein Problem bei der Durchführung der Veranstaltung. Laut Moritz Hürlimann, Co-Geschäftsführer der Cinerent AG, sei der Durchgang durch das Kino tagsüber offen und die Leinwand heruntergeklappt. «Die Sicht auf den See ist gewährt, das war auch die Auflage bei der ersten Bewilligung 1989», sagt er. Zudem besetze das Kino nur die Sandstein-Stufen am Ufer, der kleine Steg und der Strand rechts vom Gelände würden frei bleiben, so dass Badende immer noch in den See hineinsteigen könnten. «Wir sehen uns als Ergänzung zum Kulturangebot und wollen niemandem etwas wegnehmen», betont Hürlimann. Es freue ihn, dass die Behörden dem Kino ein öffentliches Interesse attestieren, das zeige auch das Patronat der Kulturfachstelle der Stadt. Moritz Hürlimann findet es falsch, das Interesse der Kinogänger und der Badenden gegeneinander auszuspielen. Auch er meint, mit 50 000 Besucherinnen und Besucher jährlich sei das öffentliche Interesse gegeben. «Unser Anlass bietet ein magisches Sommererlebnis. Wir hoffen, dass wir noch viele Jahre weitermachen können.»
* Name geändert