Die Spritzenautomaten, wie hier am Lindenplatz, wurden während der offenen Drogenszene im Jahr 1992 erstmals aufgestellt. Heute werden sie deutlich weniger benutzt. Bild: CLA
23.07.2025 13:32
Spritzen rund um die Uhr
In der Stadt stehen an acht Standorten Automaten, die steriles Injektionsmaterial für Drogensüchtige verkaufen. Doch heutzutage konsumiert nur noch ein kleiner Teil intravenös. Trotz schwindenden Verkaufszahlen halten die Gesundheitsdienste am Angebot fest. - Von Clarissa Rohrbach
Es ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Der Spritzenautomat steht abgenutzt am Lindenplatz. Dabei handelt es sich um eine Maschine, die sogenannte «Flash Sets» verkauft. Das sind Sets mit zwei sterilen Einwegspritzen, Kanülen, Alkoholtupfer, Ascorbinsäure und Kochsalzlösung. Der Preis: 2 Franken. Auch Schachteln mit je sechs Kondomen werden angeboten.
Die Spritzenautomaten wurden erstmals im Jahr 1992 in der Stadt aufgestellt. Damals florierte die offene Drogenszene in Zürich. Das Thema Aids war in aller Munde und die Behörden begannen, saubere Spritzen anzubieten, damit diese nicht geteilt werden. Laut Sonja Nodup, Sprecherin der städtischen Gesundheitsdienste, könnten sich damals bis zu 50 Prozent der Konsumierenden mit HIV angesteckt haben. Um die Infektionswelle zu hemmen, reagierte die Stadt mit der Spritzenabgabe. Seit dem Jahr 1988 wurden saubere Spritzen an einer Kiosktheke am Platzspitz angeboten, später im Spritzenbus am Neumühlequai. Darauf folgten die «Flash Set»-Automaten.
Zürich hatte damals eine starke Zentrumsfunktion und zog Junkies aus der ganzen Schweiz an. Deswegen bot der Kanton im Jahr 1995 auch den Landgemeinden an, die «Flash Set»-Automaten auf eigene Kosten aufzustellen. Dies, nachdem die SBB ablehnten, Spritzensets an den Selecta-Automaten in den Bahnhöfen anzubieten. So erhoffte man sich, dass weniger Drogensüchtige nach Zürich kommen.
Die Infektionsprävention ist heute noch ein wichtiger Teil des Beitrags der Stadt zur öffentlichen Gesundheit. «Saubere Konsumutensilien tragen dazu bei, die Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Hepatitis B und C, HIV und Syphilis zu verhindern», sagt Sonja Nodup. Durch die Abgabe von sterilem Injektionsmaterial werde in der Stadt Zürich eine wirkungsvolle Infektionsprävention sichergestellt. Diese verbessere die Lebensqualität der Zielgruppe und leiste einen wichtigen Beitrag für die öffentliche Gesundheit. Die Spritzen werden heute gratis in Ambulatorien des Stadtärztlichen Dienstes, Kontakt und Anlaufstellen und der Notschlafstellen abgegeben. Und eben immer noch an den «Flash Set»-Automaten.
Zahlen rückläufig
Die Spritzenautomaten stehen an acht Standorten in der Stadt: Albisriederplatz, Bahnhof Stadelhofen, Bahnhof Oerlikon, Bucheggplatz, Helvetiaplatz, Lindenplatz, Postbrücke und Sihlquai. «Die Automaten befinden sich in unmittelbarer Nähe von Tramhaltestellen beziehungsweise an öffentlichen Plätzen und sind somit gut erreichbar», sagt Nodup. An den Standorten Postbrücke, Helvetiaplatz und Bahnhof Oerlikon werden die meisten Spritzen verkauft. Das Angebot richtet sich an intravenös Drogensüchtige und Sex-Workerinnen. Diese schätzen, dass sie Spritzen und Kondome rund um die Uhr und anonym beziehen können, auch ausserhalb der Öffnungszeiten von Abgabestellen. Laut Nodup ist der Preis von zwei Franken im Gesamtkontext der Investition in den Drogenkonsum eine geringe Summe. Der Abgabepreis sei nicht kostendeckend. In der Regel würden Konsumenten aber den kostenlosen Spritzentausch in den Abgabestellen nutzen.
Der Verkauf von Spritzen an den Automaten ist seit Jahrzehnten rückläufig. Während 2006 noch 6000 Sets pro Monat, also im Schnitt 72 000 Sets im Jahr gekauft wurden, waren es im Jahr 2024 noch 14 279 und im Jahr 2023 14 944. Jährlich gibt die Stadt insgesamt rund 480 000 Spritzen ab. Im Jahr 1993 verteilten die Behörden noch 16 000 Spritzen pro Tag, also fast sechs Millionen im Jahr. Der intravenöse Drogenkonsum hat mit der Räumung der Drogenszene am Letten im Jahr 1995 kontinuierlich abgenommen. Von den rund 1000 Personen, die regelmässig in den Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt verkehren, konsumiert laut Sonja Nodup nur ein kleiner Teil noch intravenös. Letztes Jahr fanden 31 344 der insgesamt 321 397 Drogenkonsumationen intravenös statt, das sind rund 10 Prozent. Der grösste Anteil ist inhalativ mit 284 377 Konsumationen und der kleinste Anteil entfällt auf Sniffing (5676 Konsumationen). Laut Nodup wird heutzutage weiterhin Heroin konsumiert, doch andere Drogen wie Kokain in Form von Crack oder Freebase zum Inhalieren seien beliebter.
«Bedürfnis ist gegeben»
Die schwindende Beliebtheit von intravenösem Konsum hat auch Auswirkungen auf die Notwendigkeit von Spritzenautomaten. Von den ursprünglich 16 Automaten stehen heute noch neun. «Der Stadtärztliche Dienst evaluiert die Standorte regelmässig und passt diese den Bedürfnissen an», sagt Nodup. Ein Beispiel: Monika Binkert, damalige Direktorin der Gesundheitsdienste, sagte 2006 dem «TagesAnzeiger», dass die Frequenzen am Schaffhauserplatz, Schwamendingerplatz und in Affoltern so stark zurückgegangen waren, es hätte nur noch vier bis fünf Bezüge pro Monat gegeben, sodass die Automaten abmontiert wurden.
Wieso hält die Stadt trotz dem sinkenden Befürfnis an den «Flash Set»-Automaten fest? «Die konstanten Zahlen der letzten Jahre belegen den Nutzen der Automaten», sagt Sonja Nodup. Die Standorte der Automaten seien in der Szene bekannt und die Abgabezahlen würden belegen, dass das Bedürfnis nach einer Verfügbarkeit von Spritzensets 24 Stunden am Tag weiterhin gegeben sei.