Blinder Fleck in der Kultur
Zürich ringt mit antisemitischen Vorfällen im Kulturbetrieb. Eine Veranstaltung nimmt das Klima in der Kunstszene unter die Lupe – und stellt unbequeme Fragen. - Von Isabella Seemann
Die Rote Fabrik steht wegen Auftritten antisemitischer Aktivisten in der Kritik. Bild: PD
Zürich ringt mit antisemitischen Vorfällen im Kulturbetrieb. Eine Veranstaltung nimmt das Klima in der Kunstszene unter die Lupe – und stellt unbequeme Fragen. - Von Isabella Seemann
Im Kulturzentrum Zentralwäscherei im Zürcher Kreis 5 erhielt jüngst die international umstrittene Rednerin Francesca Albanese eine Bühne – obwohl sie Hamas-Terror rechtfertigt, sich antisemitisch äussert und den Holocaust verfälscht. Der Auftritt der UN-Sonderbericht-erstatterin für die palästinensischen Gebiete reiht sich ein in eine Serie antisemitischer Vorfälle im Kulturbetrieb. Bereits zuvor hatte die Zentralwäscherei einen Vertreter der Organisation Samidoun eingeladen, die terroristische Vereinigungen unterstützt und das Massaker der Hamas in Israel vom 7. Oktober 2023 feierte.
Das schlimmste Pogrom gegen Juden seit 1945, bei dem Terroristen 1200 israelische Zivilisten ermordeten, Frauen vergewaltigten und 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppten, führte statt zu Solidaritätsadressen weltweit zu einem Aufflammen von Antisemitismus. Auch in Zürich: Nur fünf Monate später stach ein junger Muslim in Selnau einen Juden mit 15 Messerstichen nieder.
Die antisemitischen Vorfälle nahmen massiv zu – auffällig vor allem im sich als progressiv verstehenden Kulturbetrieb. So verteidigte die Rote Fabrik die Einladung von Pro-Palästina-Aktivist Ramsis Kilani, der die Verbrechen der Hamas rechtfertigte und dafür sogar aus seiner Partei Die Linke ausgeschlossen wurde. In ihren Räumen wurden zudem T-Shirts mit dem Slogan «There Is Only One Solution – Intifada Revolution» gedruckt – eine Rhetorik, die unweigerlich an die nationalsozialistische «Endlösung» erinnert.
Als Reaktion forderte der Gemeinderat in einem Postulat, zu prüfen, wie antisemitische Veranstaltungen in städtisch unterstützten Kulturhäusern künftig verhindert werden können. Im Mai nahm das Parlament diese Forderung einstimmig an, ebenso erhielt ein zweites, ähnlich lautendes Postulat deutliche Zustimmung. Doch nur einen Monat später verweigerte Raphael Golta, als Vorsteher des Sozialdepartements auch für die Zentralwäscherei zuständig, ein Einschreiten gegen den Auftritt von Albanese. Über die Zukunft der Institution entscheidet das Zürcher Parlament im November. Ronny Siev, Gemeinderat der Grünliberalen, kritisiert diese Kultur des Wegschauens, in der antisemitische Positionen ohne Konsequenzen bleiben. «Auftritte von Antisemitinnen und Antisemiten in öffentlichen Kulturinstitutionen tragen den Judenhass in die Mitte der Gesellschaft und legitimieren ihn.» Gleichzeitig würden jüdische und israelische Kulturschaffende, die als Zionisten gelten, aus diesen Räumen verdrängt. Im Gegensatz zu allen anderen Diskriminierungsformen sei Judenhass wieder salonfähig geworden, sagt der jüdische Politiker aus dem Kreis 10. «Viele jüdische Menschen in meinem Umfeld fühlen sich in gewissen Kulturinstitutionen weder wohl noch sicher noch willkommen. Inzwischen meide auch ich bestimmte Einrichtungen. Das sollte allen, die sich auf Inklusion und Diversität berufen, zu denken geben.» Siev verlangt von Stadtrat und Verwaltung endlich eine klare Haltung: In subventionierten Häusern dürfe kein Judenhass geduldet werden, vielmehr müsse Sicherheit für alle garantiert sein. Im September nimmt erstmals ein städtischer Projektleiter für Antisemitismus seine Arbeit auf. «Ich hoffe, er erhält auch das nötige Mandat.»
Auch die Kulturszene selbst stehe in der Pflicht, betont der renommierte Film- und Theaterregisseur Sama Schwarz. Am 31. August organisiert Schwarz zum Thema «Judenhass im Kunstbetrieb» eine Lesung und Gesprächsrunde, basierend auf dem gleichnamigen Essayband von Matthias Naumann. Darin wird auch der Fall am Theater Neumarkt aufgearbeitet, wo ein israelischer Jude nicht im gleichen Stück wie seine libanesische Schauspiel-Kollegin auftreten durfte. Der Grund: Das Theater übernahm ein antisemitisches libanesisches Gesetz, das die Zusammenarbeit mit Israelis untersagt.
Schwarz, der an grossen Häusern im deutschsprachigen Raum inszenierte, beobachtet: «Antisemitismus zeigt sich nicht immer in offenen Parolen, sondern auch über Strukturen: Bekenntniszwang, Boykotte, subtile Ausschlüsse.» Nicht eingeladen zu werden sei die härteste Form von Ausschluss. Sein Vorschlag, am Theaterspektakel über Antisemitismus im Kunstbetrieb zu diskutieren, wurde abgelehnt – obwohl sich das Festival selbst als Ort der Debatte versteht.
Im Kulturbetrieb, so Schwarz, werde nicht der Antisemitismus selbst als Problem gesehen, sondern dessen Benennung. Auch bei Förderentscheiden brauche es einen Paradigmenwechsel: «Jurierung sollte nach Qualität erfolgen, nicht nach Identität. Anonyme Verfahren könnten helfen.» Jüdische Kultur stehe für Kritik, Wissenschaft, Offenheit – genau das werde heute als störend aussortiert. Selbstkritik heisse, Strukturen zu hinterfragen: «Wer wird blockiert, wer verdrängt?» Dazu gehöre auch eine ehrliche Debatte über Israel und Gaza: «Das furchtbare Leid in Gaza wird oft einseitig Israel zugeschrieben, während die Nähe des Hamas- und IS-Islamismus zum genozidalen Judenhass der Nazis ausgeblendet wird. Diese Einseitigkeit ist gefährlich.» Die Debatte über Antisemitismus im Zürcher Kulturbetrieb ist somit Teil einer grösseren Auseinandersetzung um Freiheit, Verantwortung und die Grenzen von Toleranz. Sama Schwarz: «Schweigen ist keine Option.»
Sonntag, 31. August, 17 bis 22 Uhr: «Judenhass im Kunstbetrieb» – Lesung und Gespräch, mit Esther Slevogt, Matthias Naumann und Alexander H. Schwan.
Moderation: Dr. Regula Stämpfli. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe Nachtmeerfahrten auf einer Zürichsee-Schifffahrt statt. Treffpunkt: 17 Uhr Schiffstation Bürkliplatz. Abfahrt: 17.20 Uhr ZSG-Kursschiff. Ticket für «Grosse Rundfahrt» lösen. Die Veranstaltung selbst ist kostenfrei.
Anmeldung erforderlich: anmeldung@maison-du-futur.ch
Weitere Informationen:
Matthias Naumann (Hrsg.), «Judenhass im Kunstbetrieb», Neofelis Verlag, 2024.
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