Wohnen über Gleisen?
FDP-Gemeinderäte fordern, dass der Stadtrat eine Überbauung der Gleise vom HB bis Altstetten prüft. Die Idee stösst auf Skepsis. - Von Clarissa Rohrbach
Sollen laut FDP überbaut werden: Gleise beim HB. Bild: Wikipedia (CC BY-SA 4.0)
FDP-Gemeinderäte fordern, dass der Stadtrat eine Überbauung der Gleise vom HB bis Altstetten prüft. Die Idee stösst auf Skepsis. - Von Clarissa Rohrbach
Es soll die ultimative Lösung zur Wohnkrise in der Stadt sein. Die FDP schlägt in einer Motion vor, die Gleisfelder zwischen HB und Altstetten zu überbauen. Auf dem rund 4 km langen und 350 m breiten «Deckel» sollen Häuser und Pärke entstehen. Dadurch könnte Wohnraum für 150 000 Menschen geschaffen werden. Für ein solches Mammutprojekt braucht es laut Motionäre eine Zusammenarbeit zwischen Stadt und privaten Investoren. Der Stadtrat soll prüfen, wie viel ein solches Projekt kosten würde, wie viel Zeit es für den Bau bräuchte und welche Teilgebiete sich für einen ersten Überbauungsschritt eignen.
Es ist noch offen, ob der Vorstoss im Gemeinderat eine Mehrheit findet. Die anderen Parteien habe noch keine Stellung bezogen. Doch laut «Tages Anzeiger» sind die Meinungen überwiegend skeptisch. «Unglaublich komplex», «extrem teuer» und «kaum realisierbar», sagen einzelne Gemeinderäte von SP und Grüne. Die Hauptsorge: Wegen den immensen Baukosten würden die Wohnungen extrem teuer. Einige verweisen auf das Projekt Eurogate aus den 1970er-Jahren, zu dem eine Überdachung der Gleise beim HB gehört hätte. Die Planung dauerte rund 30 Jahre und kostete Dutzende von Millionen. Doch als die Hauptinvestorin UBS ausstieg, scheiterte das Projekt.
Auch Stefan Kurath, Professor am Institut Urban Landscape der ZHAW, weist darauf hin, dass solche Riesenprojekte mehrere Jahrzehnte dauern. «Es ist nicht vorhersehbar, was in dieser Zeit passiert,eine wirtschaftliche Krise könnte dem Projekt das Garaus machen, das hat sich beim letzten Versuch gezeigt», sagt er. Kurath hält eine konsequente Verdichtung im Bestand und auf dem Boden für eine viel einfachere Lösung. 30 Jahre lang Millionen in die Planung einer Überdachung für ein unsicheres Resultat zu investieren, sei hochriskant.
Motionär Emanuel Tschannen (FDP) findet die Kritik verfrüht. «Bevor man die Idee ablehnt, braucht es eine saubere Abklärung.» Er fordert, man müsse in die Zukunft denken. Das tue der Stadtrat ohnehin schon. Erst letzte Woche habe er seine Pläne für einen verkehrsfreien HB bis 2050 präsentiert. «Das Wohnproblem lässt sich nicht ohne grosse Würfe lösen», meint Tschannen. Die Gleisüberbauungen in grossen Städten wie New York, Hongkong oder Paris würden beweisen, dass sich solche Projekte lohnen und machbar seien. Er kritisiert, dass die Stadt Hunderte von Millionen für Hauskäufe ausgibt, ohne dass dabei mehr Wohnraum entsteht. Das Geld werde ohnehin ausgegeben, mit einer Gleisüberbauung würden hingegen neue Wohnungen gebaut. Dass diese teilweise teuer werden, müsse Rot-Grün akzeptieren. «Schliesslich muss das Projekt auch für Investoren attraktiv sein», sagt er.
Hugo Wandeler hat schon mehrere Vorschläge zu einer Überbauung der Gleise bei der Stadt eingereicht. Der Architekt und Stadtvisionär hält es für möglich, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wenn das Ziel sei, keine Rendite zu erwirtschaften. Die SBB müsse daran nicht verdienen und Baugenossenschaften sollten die Wohnungen in einer Leichtbauweise erstellen. Zudem müssten die Anforderungen an den «Deckel» zurückhaltend sein, also keine Erschliessung für Autos, nur für Velos und Fussgänger. Wandeler findet das Vorhaben machbar, wenn es etappiert wird, etwa in einen ersten Abschnitt zwischen HB und Langstrasse. Ein Teilgebiet zu definieren, ist auch die Forderung der FDP.
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