23.09.2025 15:57
«Wir wollen Ökosysteme, nicht nur Arten schützen»
NATURSCHUTZ Der Zoo Zürich betreibt nicht nur im Tiergarten selbst, sondern weltweit Naturschutz. Direktor Severin Dressen erklärt im Quartalsinterview, warum der Schutz der Fauna und Flora vor Ort so wichtig ist, nach welchen Kriterien Projekte unterstützt werden und woher die Mittel stammen. - Von Sacha Beuth
Der Zoo Zürich unterstützt weltweit acht Naturschutzprojektemit insgesamt rund 2,5 Mio. Franken pro Jahr. Warum überlässt er diese Aufgabe nicht Naturschutzorganisationen wie dem WWF und investiert das Geld dafür noch mehr in moderne Anlagen, mehr Fläche oder neue Zuchtprogramme im Zoo selbst?
Severin Dressen: Im Selbstverständnis eines modernen Zoos von heute ist der in-Situ-Schutz, also der Schutz vor Ort, neben Bildung, Artenschutz und Forschung eine der vier Kernaufgaben. Dies im Einklang mit dem «One Plan Approach» der Weltnaturschutzorganisation IUCN, der vorsieht, den Schutz und Erhalt von gefährdeten Tierarten und deren Lebensräume ganzheitlich anzugehen, also sowohl vor Ort in der Natur wie auch durch Erhaltungszuchtprogramme in Zoos. Es macht schlicht keinen Sinn, Arten in Zoos zu erhalten und Leute für deren Schutz zu sensibilisieren, wenn langfristig überhaupt keine Chance besteht, dass die entsprechende Tierart in die Wildnis zurückkehren oder dort überhaupt noch überleben kann. Wir wollen ganze Ökosysteme und nicht nur einzelne Tierarten schützen.
Was sind die Kriterien, damit eine Zusammenarbeit vor Ort zwischen Zoo und der zuständigen Behörde beziehungsweise Organisation vor Ort zu stande kommt?
Vorab schauen wir, was gibt es für Projekte, haben diese einen nachhaltigen Ansatz und welche würden zu uns hinsichtlich unserer bereits vorhandenen oder geplanten Zoolebensräume passen. Wir achten sehr darauf, Spendengelder und Ressourcen sinnvoll zu nutzen, um so den grösstmöglichen Effekt zu erzielen. Wenn es also vor Ort bereits gute Arbeit und funktionierende Strukturen gibt, ist es sinnvoller, diese zu unterstützen, statt etwas Eigenes aufzubauen. Wir arbeiten in all unseren Projekten mit etablierten Partnern zusammen. Dazu zählen Nicht-Regierungsorganisationen wie etwa die weltweit tätige Wildlife Conservation Society, die auch die New Yorker Zoos führt. Oder die Lewa Wildlife Conservancy in Kenia als lokale Organisation. Bei der Wahl überprüfen wir, wie vertrauenswürdig der potenzielle Partner ist. Und dann gibt es auch direkte Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden. Wir unterstützen lieber wenige Naturschutzprojekte. Diese dafür aber langfristig und mit höheren Beträgen. Handkehrum sehen wir davon ab, in Naturschutzprojekte von politisch extrem instabilen Ländern zu investieren. Auch fliesst kein Geld in wohlhabende Länder wie die USA, Japan oder Schweden. Eine Ausnahme ist wegen des Heimatbezugs unser Fledermausprojekt in der Schweiz.
Woher stammen die finanziellen Mittel für die Projekte?
Einerseits aus unserer Gastronomie, die fix zwei Prozent ihres Umsatzes beisteuert. Andererseits von Spenden von Stiftungen, Unternehmen, Zoogästen und anderen Einzelpersonen, die wir nicht zuletzt durch unsere naturnahen Lebensräume im Zoo Zürich für den Naturschutz vor Ort begeistern können.
Was geschieht konkret mit dem Geld des Zoos beziehungsweise was wird vor Ort finanziert? Und was ist ein No-go?
Ein No-go ist für uns, dass das gesammelte Geld für etwas anderes als für den eigentlichen Zweck ausgegeben wird, also etwa für unseren administrativen Aufwand hierfür. Das heisst, dass 100 Prozent der Spenden auch wirklich in die jeweiligen Projekte fliessen. Zudem schauen wir, dass jeweils geltende rechtliche Bestimmungen eingehalten werden und die lokale Bevölkerung hinter allen Naturschutzmassnahmen steht und darin eingebunden ist. Finanziert werden mit dem Geld daher einerseits Aufwendungen für klassische Naturschutzaufgaben wie beispielsweise die Ausbildung und Ausstattung von Rangerinnen und Rangern. Letztere reicht von Drohnen, Spürhunden oder Computern bis zu Nachtsichtgeräten. Wir finanzieren aber auch die Gehälter einiger Schlüsselpersonen innerhalb der Projekte. Zugleich finanzieren wir Dinge, die nicht direkt mit dem Natur- und Artenschutz zu tun haben. Etwa die Vergabe von Mikrokrediten oder den Bau und Betrieb von Schulen oder Krankenhäusern.
Warum?
Weil nur so ein nachhaltiger Schutz gewährleistet werden kann. Einsätze von Rangern sind zwar effektiv, aber am effektivsten sind sie, wenn die lokale Bevölkerung mithilft, beispielsweise Tipps zum Aufenthalt von Wilderern gibt. Alle müssen an einem Strang ziehen. Das machen sie aber nur, wenn es auch in ihrem Interesse ist. Wir wollen den Menschen daher langfristige Alternativen zum Wildern und der Zerstörung natürlicher Lebensräume zwecks Nutztierhaltung oder Ackerbau bieten. Die zumeist arme lokale Bevölkerung muss den Mehrwert der Natur nicht nur verstehen, sondern durch sie auch selbst einen Mehrwert erzielen.
Aber wäre dies nicht die Aufgabe des jeweiligen Staates?
Ja, natürlich. Es wäre auch die Aufgabe des Staates, die Natur vor Ort zu schützen. In einem Nationalpark finanzieren wir beispielsweise fast ein Drittel des operativen Budgets. Wenn wir das nicht machen würden, wer dann?
Normalerweise gilt: Wer zahlt, befiehlt. Dabei läuft man gerade in Afrika oder Asien in Gefahr, neokolonialistische Ressentiments zu bedienen. Wie umschifft der Zoo Zürich dies?
Nicht wir sagen, was vor Ort zu tun ist, sondern die lokalen Vertreter wie jene der Lewa Wildlife Conservancy oder von Arara Azul in Brasilien kommen mit Vorschlägen beziehungsweise Anträgen für Projekte auf uns zu, und wir entscheiden dann, was davon wir unterstützen. Es ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und das ist sehr wichtig, damit die Projekte erfolgreich sind. Entscheidungen vor Ort treffen fast ausschliesslich die lokalen Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter.
Andererseits gelten Länder wie Kenia, Kolumbien, Madagaskar oder Thailand in Sachen Korruption nicht gerade als Vorzeige-Nationen. Wie behält man da trotzdem die Kontrolle?
Wir erhalten regelmässige Geschäftsberichte, in denen klar belegt ist, wieviel wann und für was ausgegeben wurde. Man darf sich aber auch keine Illusionen machen, dass man die sogenannte Alltagskorruption, also Korruption im kleinen Stil, komplett ausschalten kann. Gleichzeitig haben die Organisationen vor Ort aber auch ein ureigenes Interesse, dass möglichst alles korrekt abläuft. Denn sobald irgendwie publik würde, dass dem nicht so ist, hätte dies massive Einbussen bei den Spenden zur Folge. Auch wir selbst wollen nicht, dass der Ruf des Zoo Zürich durch korrupte Partner geschädigt wird. Zum Glück arbeiten wir mit mehreren Organisationen und Behörden schon zwei, drei Jahrzehnten zusammen und wissen dadurch, wem wir vertrauen können. Auch, weil wir die Projekte regelmässig besuchen und in sehr engem Austausch stehen.
Gibt es bei gewissen Projekten auch Vorteile oder gar Gegenleistungen für den Zoo Zürich?
Nein, es geht nicht darum, einen direkten Nutzen zu ziehen. Wir wollen Lebensräume und gefährdete Arten schützen. Was dabei hilft ist Aufmerksamkeit. Was wir daher inzwischen etabliert haben, ist die Sichtbarkeit unseres Naturschutzengagements mit Hilfe unserer Partner vor Ort zu vergrössern. Wir machen im Bereich Naturschutz sehr viel, es ist aber in der Öffentlichkeit oft noch wenig bekannt. Mehr Sichtbarkeit erhöht schliesslich die Spendenbereitschaft und somit unser Engagement für den Naturschutz. Deswegen haben wir seit einigen Jahren sogenannte Naturschutz-Bot-schafterinnen und -Botschafter in jedem Projekt, die in regelmässigen Abständen Updates aus den Projekten geben, Einblick in ihre tägliche Arbeit gewähren und uns mit Bild- und Filmmaterial von vor Ort versorgen. So können wir über unsere verschiedenen Medienkanäle von spannenden oder wichtigen Ereignissen direkt aus den Projekten berichten und so unser Engagement noch mehr in die Öffentlichkeit tragen.