Wenn die Polizei nicht kommt
Eine Frau wurde kürzlich im Tram brutal attackiert. Die Stadtpolizei hatte keine Kapazität, um auszurücken. Das knappe Polizei-Personal sorgt in der Politik für Empörung. - Von Clarissa Rohrbach
Die Attacke erfolgte im Tram Nummer 13. Bild: VBZ
Eine Frau wurde kürzlich im Tram brutal attackiert. Die Stadtpolizei hatte keine Kapazität, um auszurücken. Das knappe Polizei-Personal sorgt in der Politik für Empörung. - Von Clarissa Rohrbach
Plötzlich schlug er ihr ins Gesicht. Kurz vor Mitternacht am vorletzten Samstagabend sass Patrycja Pakiela ahnungslos im Tram Nummer 13, als bei der Station Frankental ein Unbekannter sie angreift. «I will kill you, bitch» (ich bringe dich um, Schlampe), schreit der Mann. Der DJane wird es schwarz vor Augen, sie spürt starke Schmerzen im Gesicht, dann öffnet sie die Augen und sieht Blut heruntertropfen. Zwei fremde Männer rennen ihr zur Hilfe und fixieren den Täter am Boden. Doch als der Tramführer die Polizei anruft, heisst es: «Keine Kapazität», man könne keine Patrouille vorbeischicken. Die junge Frau ist schockiert. «Was machen wir jetzt mit ihm? Ich habe Angst um andere Frauen, wenn wir ihn laufen lassen», sagt sie laut «Watson». Doch nach einem erneuten Anruf an die Polizei, ist klar: Es kommt keine Hilfe. Patrycja Pakiela filmt daraufhin ihr blutverschmiertes Gesicht und den Täter, um das Video auf Instagram zu teilen. «Für Frauen ist es in Zürich immer noch gefährlich, passt auf euch auf», sagt sie darin. Der Clip verbreitet sich im Internet in Windes-eile. Schliesslich wird der Mann aus dem Tram hinaus geworfen.
Laut den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) passieren pro Jahr im Zürcher ÖV 20 bis 30 solche tätliche Angriffe, die Zahl sei relativ konstant geblieben. Der Tramchauffeur habe an diesem Abend nach Protokoll gehandelt. «Wir weisen unser Fahrpersonal aus Sicherheitsgründen darauf hin, nicht selbst einzugreifen, sondern die Leitstelle zu informieren, welche dann die Polizei kontaktiert», sagt Sprecherin Mélanie Kohler. Erfahrungsgemäss sei die Polizei meistens schnell vor Ort. Die VBZ würden für die Sicherheit in Trams und Bussen mit Videoüberwachung, Deeskalationstrainings und Sicherheitsdienst im Nachtnetz sorgen. Auch am Abend der Attacke auf Patrycja Pakiela wurden die Videodaten gesichert und an die Polizei übermittelt. Nachdem die Frau Anzeige erstattet hatte, konnte der mutmassliche Täter, ein 28-jähriger Syrer, fast zwei Tage später doch noch festgenommen werden. «Der Fall macht uns sehr betroffen», sagt Mélanie Kohler.
Die attackierte junge Frau kritisiert, dass die Polizei ihr nicht half. Diese hat auf Druck der öffentlichen Meinung das Nichtausrücken an diesem Samstagabend abgeklärt. Man sei bei der versuchten Besetzung des Kasernen-areals durch linke Aktivisten im Grosseinsatz gewesen. Diese hätten mit geworfenen Flaschen und Steinen massive Gewalt auf die Einsatzkräfte ausgeübt. Ebenfalls waren Polizisten beim Knabenschiessen und drei Unfällen mit Verletzten im Einsatz. «Wir bedauern, dass wir der Frau am Samstagabend nicht unmittelbar helfen konnten», sagt Sprecherin Judith Hödl. An Wochenenden könne es aufgrund einer Häufung von Einsätzen zeitweise vorkommen, dass der Einsatzzentrale vorübergehend keine Mittel mehr zur Verfügung stünden. Dies habe zur Folge, dass teilweise nicht ausgerückt werden könne.
Dass die Polizei an ihre Kapazitätsgrenze stösst, ist schon seit Jahren ein Thema. Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) beantragt Jahr für Jahr zusätzliche Ressourcen für die Einsatzkräfte auf der Strasse. Doch die Mehrheit des Parlaments bewilligt nur wenige Stellen. Bis 2030 seien 150 zusätzliche Stellen nötig, diese werde sie bei der nächsten Budgetdebatte beantragen, sagt KarinRykart. Zürich sei eine 24-Stunden-Gesellschaft mit vielen Veranstal-tungen und einer Drogenszene, welche die Stadtpolizisten bindet. Das führe zu einer hohen Belastung des Personals, welches kaum mehr Überstunden abbauen könne. Stadträtin Karin Rykart bedauert den Vorfall im Tram: «So etwas sollte nicht passieren, es tut mir unendlich leid.»
Die prekäre Sicherheitslage in der Stadt sorgt in der Politik für grosse Wellen. Im Gemeinderat wurde letzte Woche der Fall heftig diskutiert. Bürgerliche gaben zu bedenken, dass in Zürich die Sicherheit ungenügend gewährleistet sei. «Wann übernimmt Rotgrün endlich Verantwortung?», fragte FDP-Fraktionschef Michael Schmid. Es sei nicht hinnehmbar, dass ein überwältigter Gewalttäter schliesslich laufen gelassen werden müsse, weil die Stadtpolizei aus Kapazitätsgründen nicht ausrücken könne. Schmid zollte der Polizei Respekt, die sich tagtäglich für die Sicherheit der Bevölkerung einsetzt. Stadtrat und Gemeinderat müssten nun die nötigen personellen Ressourcen bereitstellen, «damit in Zürich die Sicherheit gewährleistet und das beschädigte Sicherheitsgefühl wiederhergestellt wird».
SVP-Gemeinderat Stephan Iten (SVP) redete gar von einem «Staatsversagen». «Die Polizei braucht unbedingt mehr Personal, man kann nicht bei der Sicherheit sparen.» Iten fordert, dass das Parlament, die 152 nötigen Stellen bewilligt. Er weiss, dass Polizisten kaum mehr Pausen oder Ferien machen können. Mit rund 400 Kundgebungen pro Jahr sei die Polizei stark eingebunden. Zudem würde die Bevölkerung stetig wachsen, bis 2040 rechne man mit über 500 000 Menschen in der Stadt. «Mit so viel Personen auf engem Raum muss die Sicherheit gewährleistet werden», sagt Iten. Er kritisiert auch, dass die Regionalwachen der Polizei seit August am Samstag und Sonntag geschlossen seien, denn am Wochenende würden die meisten Vorfälle passieren. Während die linke Mehrheit im Gemeinderat von einem «drohenden Polizeistaat» spricht, meint Iten, es sei bedauernswert, dass die Polizei in Zürich keine Rückendeckung in der Politik habe. Der Fall von Patrycja Pakiela sei, ohne Zweifel, tragisch.
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