Fahrplanwechsel ohne Chaos
Seit letzter Woche fahren sieben Zürcher Tramlinien anders. Ein Augenschein am Bellevue zeigt, dass die Fahrgäste gut damit zurecht kommen. Die VBZ sprechen von einem Erfolg. - Von Clarissa Rohrbach
Das 4er-Tram fährt seit dem Fahrplanwechsel bis zur Rehalp. Die Leute nehmen es gelassen. Bild: CLA
Seit letzter Woche fahren sieben Zürcher Tramlinien anders. Ein Augenschein am Bellevue zeigt, dass die Fahrgäste gut damit zurecht kommen. Die VBZ sprechen von einem Erfolg. - Von Clarissa Rohrbach
Es ist ein ungewohntes Bild, das sich letzte Woche am Bellevue präsentierte. Das Tram 4 fährt nun Richtung Rehalp, der 2er nach Klusplatz, der 8er nach Kirche Fluntern und der 11er sowie der 15er nach Bahnhof Tiefenbrunnen. Das sind nur einige der Änderungen, die der neue Fahrplan der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) mit sich bringt. In der Nacht auf vorletzten Sonntag wechselten fünf Mitarbeiter der VBZ sämtliche Schilder und rund 8000 Aushänge an den Tramhaltestellen, 4000 Daten wurden angepasst. Doch an diesem Morgen scheinen die Fahrgäste vom grössten Fahrplanwechsel der 130-jährigen Geschichte der VBZ ungestört zu sein. In Massen steigen sie aus dem Tram, laufen zielstrebig zum nächsten, steigen ein und fahren ungetrübt weiter. Keine ratlose Gesichter, kein Zögern, es scheint alles normal zu sein.
Doch bei genauen Nachfragen zeigt sich auch Unzufriedenheit. So meint Laura (16), dass die neue Linienführung ihren Alltag erschwere. Früher sei sie von zuhause in Seebach direkt mit dem 14er zur Arbeit im Triemli-Spital gefahren. «Jetzt muss ich zwei Mal umsteigen, das ist umständlich», sagt sie. Das liegt daran, dass der 14er ab Bahnhofplatz/HB zum 6er wird, der zum Zoo fährt. Auch ihre Kollegin Danika (16) beklagt sich: «Am HB muss ich eine lange Strecke laufen, da das Tram wegen der Baustelle an der Haltestelle Bahnhofquai nicht hält, das ist sehr anstrengend.» Den Umweg muss sie bis nächstes Jahr in Kauf nehmen, erst dann sind die Bauarbeiten vorbei. «Wir verstehen nicht, wieso das alles nötig war, aber wir werden uns daran gewöhnen.»
Auch Victoria (42) ist mit dem neuen Fahrplan nicht zufrieden. Die Bäckerin beklagt sich über die App. «Der Online-Fahrplan führt zu Umwegen.» Sie fordert, dass die VBZ diesen anpasse und die schnellste Route berechne. «Ich fahre durch die Stadt wie blöd, um meine Kuchen zu liefern, es ist sehr ärgerlich.» Doch sie sieht auch ein, dass die Änderungen notwendig waren. Wenn es für die Stadt gut sei, dann akzeptiere sie das.
Inmitten der Passanten steht Urs Schönenberger, einer der rund 60 Transport-Guides mit gelber Weste, die letzte Woche den Fahrgästen halfen. Eine Frau fragt ihn, ob der 11er immer noch zum Paradeplatz fährt. Der pensionierte VBZ-Mitarbeiter bestätigt geduldig. «Es sind alle sehr freundlich, auch während der Rush Hour am Montag gab es trotz Bedenken keinen Stress», sagt er. Schönenberger meint, die Umsetzung des neuen Fahrplans sei geglückt. «Die Leute waren gut vorbereitet.» Heute, ein paar Tage später, kommen nur noch wenige Fahrgäste auf ihn zu. Sie würden schon wissen, wie die Trams fahren, und suchten nur noch Bestätigung, um sicher zu sein. Schönenberger hat sich gut für seinen Einsatz vorbereitet. In seiner Tasche steckt ein Dossier mit den neuen Streckenführungen, das habe er jeweils abends anstatt Fernsehen zu schauen studiert. Am Anfang hätte er spicken müssen, doch jetzt weiss der 66-Jährige die neuen Routen auswendig. «Für mich ist es auch eine grosse Veränderung, ich bin damit aufgewachsen, dass der 2er ins Seefeld fährt, das ist jetzt nicht mehr so.»
Doch die grosse Mehrheit hat keine Probleme mit dem neuen Fahrplan. So meint Konstantin (26), dass auf dem Online-Fahrplan ja alles erklärt sei. «Zur Sicherheit schaue ich vor dem Einsteigen noch kurz darauf, dann ist alles klar.» Der Weg des Doktoranden vom HB zur Universität Irchel sei mit dem Tram Nummer 10 immer noch gleich. Nur halte dieses jetzt an der Bahnhofstrasse.
Auch für ältere Menschen ist die Umstellung problemlos. Die pensionierte Paula (72) sagt: «Ich komme gut zurecht, man muss einfach vor dem Abfahren besser schauen.» Wenn sie zu ihrem Sohn an der Forchstrasse fahre, müsse sie jetzt einfach vom HB kommend in den 4er umsteigen. Es sei eine reine Gewöhnungssache. Auch Urs (80) meint, die Fahrplan-Änderung sei keine grosse Sache. Er arbeitet bei einem Autohändler in Schlieren und muss noch vom Seefeld aus auf den 2er umsteigen, anstatt wie gewohnt weiterzufahren. «Aber das tut mir gut, dann bleibe ich fit, es ist wichtig im Alter flexibel zu bleiben.»
Die VBZ sind sehr zufrieden mit der Umsetzung des neuen Fahrplans. «Der Betrieb läuft problemlos, alle Trams sind korrekt gefahren, es gab keine Pannen», sagt Sprecherin Judith Setz. Für die grösste Verwirrung sorgten wohl die Tram-Baulinien 50 und 51, welche den Hauptbahnhof mit dem nördlichen Teil der Stadt verbinden. «Neue Linienführungen sind immer gewöhnungsbedürftig, wir sind aber zuversichtlich, dass sich unsere Fahrgäste schnell an die neuen Routen gewöhnen werden», sagt Setz. Die VBZ hatten bereits Mitte September mit einer breit angelegten Kommunikationskampagne auf den neuen Fahrplan aufmerksam gemacht und verteilten im Vorfeld Broschüren und Flyer. Laut Setz führte dies dazu, dass sich die Fahrgäste gut auf die Umstellung vorbereiten konnten. Die VBZ-Sprecherin weist auf die Seite fahrplanwechsel.vbz.ch hin, wo eine interaktive Karte die Route jeder Linie aufzeichnet.
Nötig war die Fahrplananpassung unter anderem wegen des neu entstandenen Spitalclusters beim Balgrist. Seit Herbst vergangenen Jahres steht dort das neue Kinderspital, dort befinden sich nun sechs Kliniken. Die VBZ gehen davon aus, dass in Zukunft in dieser Gegend das Fahrgästeaufkommen demjenigen an der Bahnhofstrasse gleichkommt. Neben der Linie 4 soll ab 2026 dort auch das Tram Nummer 5 verkehren.
Die Anfahrt zum USZ mit dem 6 Tram, wird jetzt erschwert, denn von der Bahnhofstasse bis zum Bahnhofplatz ist es für Gehbehinderte Menschen ein langer Weg. Früher konnte man von der Enge weg fahren, oder an den Haltestellen an der Bahnhofstrasse in den 6 umsteigen, was sehr bequem war. Auf alte Gehbehinderte oder kranke Menschen wurde bei diesem Fahrplanwechsel keine Rücksicht genommen.
Rosa antworten
Lade Fotos..