Wo Geschichte gezockt wird
Vom Atari 2600 bis hin zur Nintendo Switch 2, vorbei an klassischen Arcade-Automaten: Im neuen Videospielmuseum GamePlaza in Altstetten wird die Geschichte der Videospiele lebendig. - Von Christian Saggese
Vom Atari 2600 bis hin zur Nintendo Switch 2, vorbei an klassischen Arcade-Automaten: Im neuen Videospielmuseum GamePlaza in Altstetten wird die Geschichte der Videospiele lebendig. - Von Christian Saggese
Flackernde Bildschirme, klobige Joysticks und irgendwo das leicht wehmütige Geräusch eines «Game Over». Wer in Zürich-Altstetten GamePlaza, das erste Videospielmuseum der Schweiz, betritt, erlebt eine Reise in die Vergangenheit. Man fühlt sich augenblicklich zurückversetzt in jene Spielsalons, die mit Games wie Pac-Man, Space Invaders oder Donkey Kong eine Jugendkultur prägten. Lokale, die heute fast gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden sind.
Eröffnet wurde das Museum kürzlich von Rogier Keemink, 47, der damit seine lebenslange Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Konsolen und Arcade-Automaten reihen sich in dem grossen Raum mit Industriecharme dicht aneinander, chronologisch nach Baujahr geordnet. Und das Wichtigste: Fast alle sind spielbar. Nur besonders seltene oder aussergewöhnlich gut erhaltene Stücke, teils noch originalverpackt, stehen geschützt hinter Glas. Sein Leben lang hat Rogier Keemink die Geräte gesammelt, repariert und restauriert und in manche Automaten auch mehrere tausend Franken investiert.
Der Rundgang beginnt beim legendären Atari 2600 aus dem Jahr 1977 und führt durch 40 Jahre digitaler Unterhaltung. Vorbei an den verschiedenen Generationen von Nintendo, PlayStation und Xbox bis hin zu aktuellen Systemen wie der Switch 2 und PS5. Gegenüber stehen klassische Arcade-Automaten. Motorrad- und Autorennen, virtuelles Bowling oder Kampfspiele wecken Erinnerungen an ehrgeizige Highscore-Jagden. Der grösste Publikumsmagnet jedoch, sagt Keemink, sei «Bass Fishing» von Sega, ein Fischersimulator.
Etwas abseits, geschützt in einer Vitrine, steht ein besonderes Stück: ein Commodore 64. Mit diesem 8-Bit-Computer begann im Bubenalter Rogier Keeminks Liebe zu Videospielen. «Ich hatte ihn einmal imMuseum aufgestellt, doch wieder abgebaut», sagt er grinsend. «Denn wer möchte heute schon 15 Minuten Ladebildschirm in Kauf nehmen?» Zudem sei der C64 inzwischen zu wertvoll, um das Risiko einer Beschädigung einzugehen.
Generell ist das GamePlaza voller Raritäten. So ist ebenfalls in einer Vitrine ein Exemplar der Videospiel-Adaption von «E.T.» zu sehen. Ein legendär schlechtes Spiel, das sich 1982 so mies verkauft hat, dass zahlreiche Exemplare in der Wüste von New Mexico vergraben wurden. Es gilt auch als ein Hauptschuldiger des Video Game Crash, der die ganze Branche in den Ruin trieb, bis Nintendo mit der ersten NES-Konsole 1985 wieder Leben reinbrachte.
Gänsehaut bekommt der gebürtige Niederländer bis heute auch noch bei seinem originalen Donkey-Kong-Automaten, der jahrzehntelang in einem Keller in den USA stand, bevor Rogier Keemink ihn in die Schweiz holte.
Früher glich sein Zuhause mit all den Spielgeräten selbst einem Museum, erzählt der 47-Jährige. Freunde kamen vorbei, um zu spielen, und stellten stets dieselbe Frage: «Warum ist das nicht öffentlich?» Dieser Gedanke liess ihn nicht mehr los. Dennoch dauerte es über 15 Jahre, bis er die Idee verwirklichte.
Mit dem GamePlaza verfolgt Rogier Keemink das Ziel, die Geschichte der Videospiele zu bewahren. So gibt es zu jedem Gerät Informationstafeln zu dessen Einfluss auf den Markt. Mindestens genauso wichtig ist ihm jedoch der soziale Aspekt. So wie früher in den Spielsalons, sagt er. Menschen sollen gemeinsam spielen, lachen und entdecken, statt alleine zu Hause vor einem Bildschirm zu sitzen.
Auf Sprüche, dass Gamen gewalttätig oder dumm mache, reagiert er entschieden: «Nein, Spiele sind gesund!» Diese Überzeugung kommt nicht von ungefähr. Rogier Keemink arbeitete lange als Physiotherapeut, aber auch als Videospielentwickler. Dieses Wissen brachte er unter anderem in die Entwicklung therapeutischer Videospiele und digitaler Gesundheitslösungen ein, etwa bewegungsbasierte Spiele für die Rückentherapie. Für ihn gehören Bewegung, Motivation und Spieltrieb untrennbar zusammen.
Entsprechend ist das GamePlaza als Mitmachmuseum konzipiert. Wer Eintritt zahlt, darf während zwei Stunden alles ausprobieren. Das Publikum ist bunt gemischt. «Die Älteren werden oft emotional, wenn sie wieder auf ihren alten Konsolen spielen, und Kinder staunen darüber, dass es so etwas wie Arcade-Automaten überhaupt gibt.» Eine Besucherin nutzt das Museum sogar regelmässig als Fitnessstudio. Sie komme fast täglich, um Dance Dance Revolution, ein Tanzgame, zu spielen. Auch Events gehören zum Konzept. Kürzlich fand ein Guitar-Hero-Abend statt.
Das GamePlaza ist ein Familienunternehmen. Rogier Keeminks Frau, seine Eltern und auch die drei Kinder helfen mit, wobei Letztere vor allem als Tester der Spiele fungieren, wie er schmunzelnd erzählt. Offizieller Partner ist Nintendo, das das Museum mit originalem Marketingmaterial unterstützt. Dennoch bleibt die Ausstellung bewusst offen. Sega, Sony und Microsoft haben hier ebenso ihren Platz.
Eine Ecke des Museums ist dem Gamedesign gewidmet. Dort lassen sich unter anderem eigene Mario-Levels kreieren. Geplant ist zudem eine Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste, die einen Studiengang im Gamedesign anbietet, um den Besuchern noch mehr Einblicke in die Produktion von Videospielen zu geben.
Rogier Keeminks persönliche Lieblingskonsole ist die Sega Dreamcast. Sie war 1998 ihrer Zeit weit voraus, weiss er. Dank integriertem Modem ermöglichte sie bereits Online-Multiplayer und überzeugte mit experimentellen Spielideen. Vielleicht war sie zu innovativ. Die Dreamcast floppte und markierte den Rückzug Segas aus dem Konsolenmarkt. Sein Lieblingsspiel hingegen stammt von Nintendo: «Zelda – A Link to the Past» auf dem SNES. «Das habe ich sicher 30 bis 40 Mal durchgespielt.»
GamePlaza, Badenerstrasse 569, 8048 Zürich, GamePlaza.ch
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