Kleine Türme, grosse Fragen
Verdichtung gilt als alternativlos – doch über ihre konkrete Form herrscht in Zürich Ratlosigkeit. Eine Ausstellung im ZAZ Bellerive erweitert den Horizont. - Von Isabella Seemann
Im Zentrum der Ausstellung steht ein Stadtmodell im Massstab 1:1000. Die dunklen «Klötze» stellen mögliche zukünftige Mini-Hochhäuser und neue Blockrandbebauungen für das wachsende Zürich dar. Bild: ZAZ Bellerive
Verdichtung gilt als alternativlos – doch über ihre konkrete Form herrscht in Zürich Ratlosigkeit. Eine Ausstellung im ZAZ Bellerive erweitert den Horizont. - Von Isabella Seemann
Zürich wächst – und damit das Unbehagen vieler Alteingesessener. 100 000 zusätzliche Einwohner in den nächsten 14 Jahren, ein Plus von 25 Prozent bis 2040, dazu 40 000 neue Arbeitsplätze. Keine abstrakten Prognosen, sondern die konkrete Planungsbasis der Verwaltung.
Mehr Menschen bedeuten nicht nur mehr Wohnungen. Es braucht zusätzliche Schulen, öffentliche Bauten, Freizeiteinrichtungen, Verkehrsflächen und Infrastruktur – ebenso wie mehr Raum zum Begegnen, Bewegen und Erholen. Die Anforderungen steigen auf allen Ebenen und verlangen eine ganzheitliche Sicht auf die Stadtentwicklung.
Die entscheidende Frage lautet daher längst nicht mehr, wie verdichtet werden soll, sondern wie verhindert werden kann, dass dieses Wachstum die Lebensqualität Zürichs untergräbt.
Genau in dieses Spannungsfeld stösst die Ausstellung «Zürich: Dialoge zur Verdichtung», die aktuell im Zentrum für Architektur Zürich (ZAZ) zu sehen ist. Kuratiert von Jonathan Sergison von der Accademia di Architettura Mendrisio und Tom Avermaete von der ETH Zürich, präsentiert sie Szenarien, Modelle und Entwürfe für eine dichtere Stadt. Damit liefert sie einen wichtigen Beitrag zur laufenden Diskussion um die Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO), die die Weichen für Zürichs Zukunft stellen soll. Die aktuelle BZO-Revision liegt noch bis zum 1. Juni öffentlich auf. Wer die politischen Auseinandersetzungen verfolgt, erkennt schnell: Es fehlt der Mut zum grossen Wurf.
Hier liegt die Provokation der Ausstellung: Sie ignoriert bewusst die engen Grenzen des politisch Machbaren und zeigt, was städtebaulich denkbar wäre. Indem sie rechtliche und politische Zwänge ausblendet, erweitert sie den Horizont einer Debatte, die sich allzu oft nur um Grenzwerte und Einsprachen dreht.
Im Zentrum steht ein grossmassstäbliches Stadtmodell, entwickelt auf Basis einer Studie der Accademia di Architettura Mendrisio in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds. Der Perspektivwechsel ist dabei entscheidend: Nicht der Zonenplan steht am Anfang, sondern die gebaute Realität.
150 Studierende haben in 142 000 Arbeitsstunden Block für Block analysiert, Lücken identifiziert, bestehende Typologien weitergedacht und radikale Vorschläge entwickelt.
Das Resultat ist ebenso konsequent wie irritierend. Auf dem Modell im Massstab 1:1000 markieren hellbraune Flächen Zürichs heutige Gestalt. Aus diesem Gefüge wachsen über 800 dunkelbraune Wohntürme, je neun Stockwerke und rund 30 Meter hoch. Sie entsprechen in der Dimension dem Hochhaus zur Bastei von 1955 am Schanzengraben, dem ersten Hoch-haus in der Zürcher Innenstadt.
Die Mini-Hochhäuser stehen nicht nur in den Aussenquartieren, sondern auch mitten in der Stadt: in der Altstadt hinter dem Obergericht, am Zürichberg oder in Wollishofen am Seeufer. Hinzu kommen höhere Türme neben dem Opernhaus, anstelle des Globus-Provisoriums beim Hauptbahnhof sowie Bürohochhäuser entlang der Gleise. Ergänzt werden sie durch Blockrandbebauungen nach historischem Vorbild, nur mit höheren Häuserzeilen.
Die Logik ist klar: Verdichtung soll vor allem auf bereits versiegelten Flächen stattfinden, ohne Abriss bestehender Gebäude. Holzbau, gemeinschaftliche Innen-höfe, weniger Parkplätze, mehr Bäume und das 15-Minuten-Stadt-Konzept – vieles knüpft an aktuelle Leitbilder an und wirkt ökologisch plausibel. Gleichzeitig entstehen Bilder einer Stadt, die dichter, enger und in Teilen deutlich anders wäre als das heutige Zürich.
Auffällig ist, wie selbstverständlich die Studie veränderte Lebensgewohnheiten einplant. Ein wesentlicher Teil der Berechnungen basiert auf einer Reduktion der Wohnfläche pro Person – von derzeit 40 auf 30 Quadratmeter, also ein Viertel weniger. Was als Effizienzsteigerung formuliert wird, lässt sich auch als Verlust an Wohnkomfort lesen.
Die Kuratoren halten dagegen: Ohne solche Anpassungen und mutige Reformen der Bauvorschriften sei qualitativ hochwertiges Wachstum kaum möglich. Die grundlegendste Frage bleibt jedoch offen: Muss Zürich überhaupt in diesem Ausmass wachsen? Die Ausstellung gibt darauf keine Antwort. Sie nimmt das Wachstum als gegeben hin und sucht räumliche Lösungen – eine Prämisse, die im öffentlichen Diskurs immer weniger selbstverständlich erscheint.
Der eigentliche Konflikt liegt nicht zwischen Verdichtung und Nicht-Verdichtung, sondern zwischen einem streng geplanten Zürich und einem gelebten Zürich, dessen Lebensqualität sich nicht beliebig verdichten lässt.
Weitere Infromationen:
«Zürich: Dialoge zur Verdichtung», noch bis 28.6.
ZAZ Bellerive Höschgasse 3, 8008 Zürich.
Begleitprogramm mit Diskussionen und Stadtrundgängen. Begleit-publikationen im Quart Verlag: «Zürich Primer» und «Zürich Atlas».
wwwwww.zaz-bellerive.ch .zaz-bellerive.ch
"Eine Ausstellung (...) erweitert den Horizont." Der Lead ist Realsatire im Reinformat. Die augenfälligste Stadtverwüstung die die Umsetzung der von Sergison/Avermaete verantworteten Hochhüsli-Studentenübung zur Folge hätte, wäre - Sie haben es erraten: Horizontverengung! Metaphern sind oft trügerisch. Den Fehler der Übungsanlage zeigt der Gang durch die Stadt, besser als der Blick auf's Modell.
Diethelm Abramovic antworten„Holzbau, gemeinschaftliche Innenhöfe, weniger Parkplätze, mehr Bäume“, der obligate Disclaimer begleitet jede aktuelle städtebauliche Bieridee so selbstverständlich, dass der innere Widerspruch natürlich unentdeckt bleibt: Das Hochhüsli-Stoppelfeld schliesst all dies aus. Innenhöfe samt Bäumen entstehen nämlich bei baulicher Verdichtung im Blockrandformat. Zum "Holzbau", siehe Winterthur.
Diethelm Abramovic antworten
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