KI als Seelsorger?
Immer mehr Jugendliche suchen Unterstützung bei KI-Chatbots. Matthias Herren, Stellenleiter der Dargebotenen Hand in Zürich, erklärt, wie sich Hilfe und Beratung im digitalen Zeitalter verändern. - Von Ginger Hebel
Jugendliche chatten bei persönlichen Problemen oft mit KI. «Durch KI-Tools finden einige Hilfesuchende den Weg zu uns», sagt Stellenleiter Matthias Herren von der Dargebotenen Hand (143.ch). Bild: Unsplash
Immer mehr Jugendliche suchen Unterstützung bei KI-Chatbots. Matthias Herren, Stellenleiter der Dargebotenen Hand in Zürich, erklärt, wie sich Hilfe und Beratung im digitalen Zeitalter verändern. - Von Ginger Hebel
Depressionen. Leistungsdruck. Ängste. Vielen Menschen geht es psychisch nicht gut. Die Zahlen von Pro Juventute zeigen: Über die Hälfte der jungen Frauen sorgt sich um ihre psychische Gesundheit, jede dritte fühlt sich häufig müde und erschöpft. Hinzu kommen schulischer Druck und Zukunftsängste.
Doch nicht immer haben die Leute den Mut oder die Kraft, über ihre intimsten Gefühle zu sprechen. Oft spielt Scham eine Rolle. Besonders Jugendliche wenden sich mit ihren Sorgen zunehmend an Künstliche Intelligenz – an Maschinen statt Menschen.
Sie tippen ein: «Mir geht es schlecht heute. Ich fühle mich belastet.» Und erhalten in Sekundenschnelle eine Antwort von KI-Chatbots wie ChatGPT:
«Das tut mir leid zu hören. Es klingt, als wäre heute ein schwerer Tag für dich. Manchmal hilft es schon, die Gedanken ein bisschen auszusprechen, statt alles allein im Kopf zu tragen. Und wenn du nicht genau weisst, wo du anfangen sollst, ist das auch völlig okay — du kannst einfach beschreiben, wie sich das Gefühl gerade anfühlt. Wenn es sich sehr überwältigend anfühlt, könntest du auch kurz innehalten und etwas Kleines tun, das dich minimal entlastet – zum Beispiel ein paar tiefe Atemzüge, ein Glas Wasser trinken oder dich kurz bewegen. Das löst nicht alles, aber es kann den Druck ein wenig redu-zieren. Ich bin hier und höre dir zu.»
Die Einstiegshürde bei KI-Chatbots ist niedrig: keine Wartezeit, kein Gegenüber, keine Bewertung. Das verändert auch die klassische Krisenhilfe.
Mehr Chats als Anrufe
Bei der Zürcher «Dargebotenen Hand» (143.ch) ist die Zahl der Telefongespräche im Jahr 2025 erstmals seit Jahren zurückgegangen – um knapp zehn Prozent auf 28 172 Anrufe. Dennoch bleibt die Belastung hoch: Im Schnitt klingelt das Telefon alle 18 Minuten – rund um die Uhr. Psychische Probleme dominieren die Gespräche. Auch Suizidgedanken nehmen zu und machen rund vier Prozent der Anrufe aus. Stellenleiter Matthias Herren beobachtet gesellschaftliche Veränderungen: «Kommunikation wird zunehmend schriftlich geführt. Gerade junge Menschen chatten lieber, als zu telefonieren. Viele suchen zuerst digitale Kanäle.» Bei der Dargebotenen Hand wurden im vergangenen Jahr 2626 Chats geführt – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. «Die Nachfrage nach der Onlineberatung nimmt ständig zu», sagt Herren. Doch sieben von zehn Online-Anfragen bleiben aus Kapazitätsgründen unbeantwortet. «Das ist natürlich nicht zufriedenstellend. Eine Chatberatung erfordert mehr Zeit als ein Telefongespräch. Wir arbeiten jedoch daran, die Kapazitäten zu erhöhen.»
Empathie als Schlüssel
Online wird deutlich häufiger über heikle Themen gesprochen als am Telefon. Viele wenden sich an die Dargebotene Hand, weil sie wissen, dass dort jemand ist, der wirklich zuhört und nicht wertet. Die Organisation bildet Freiwillige gezielt in Gesprächsführung aus. «Empathie ist entscheidend. Zuhören können. Wir sind kein Ersatz für eine Therapie, aber wir sind da, wenn Menschen uns brauchen», betont Matthias Herren.
Dennoch wenden sich gerade junge Menschen mit ihren Problemen oft lieber an den Computer – den stillen Freund. Laut einer Umfrage von Comparis nutzen inzwischen über drei Viertel der Schweizer Bevölkerung KI-Chatbots – ein massiver Anstieg innerhalb von zwei Jahren. Besonders ausgeprägt ist die Nutzung bei jungen Menschen: Über 90 Prozent der 18- bis 35-Jährigen greifen auf solche Tools zurück. Jeder zehnte Jugendliche gibt an, KI bereits bei persönlichen Problemen genutzt zu haben.
KI-Systeme gewinnen nicht nur als Informationsquelle an Bedeutung, sondern auch als Gesprächspartner oder Seelsorger in schwierigen Momenten. Herren stellt fest: «Einige Hilfesuchende berichten, dass sie überhaupt erst durch KI-Tools auf professionelle Stellen wie 143.ch aufmerksam wurden. So finden Menschen zu uns, die uns sonst vielleicht nie gefunden hätten. Das ist positiv.»
Die Fachpersonen der Dargebotenen Hand setzen selbst keine KI-Tools ein. «Wir unterstehen der Schweigepflicht. Alles ist anonym. Wir füttern keine KI mit persön-lichen Lebensinhalten», betont Matthias Herren.
Die Entwicklungen zeigen ein Spannungsfeld zwischen wachsender digitaler Nachfrage und begrenzten Ressourcen im Hilfesystem. Viele Kliniken sowie Psychologen und Psychiater führen Wartelisten. «Gerade in akuten Krisensituationen bleibt der persönliche Kontakt und ein niederschwelliges Angebot wie jenes der Dargebotenen Hand entscheidend», sagt Matthias Herren.
Weitere Informationen: www.143.ch
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