21.04.2026 16:34
«Pollen werden aggressiver»
Pollen-Allergiker haben es schon gemerkt: Die Heuschnupfen-Saison ist in vollem Gange. Besonders stark zeigt sich dies ausgerechnet in der Stadt Zürich. Die Gründe hierfür kennt Marie-Charlotte Brüggen, Leiterin Allergologie an der Dermatologischen Klinik des Univeristätsspitals Zürich. - Von Sacha Beuth
An jeder Ecke begegnet man aktuell Personen, die ständig niesen und gerötete Augen haben. Gefühlt war die Pollenbelastung noch nie so stark. Entspricht dies der Realität?
Marie-Charlotte Brüggen: Ja, in der Schweiz leiden viele Personen unter Heuschnupfen, ungefähr jeder Fünfte ist betroffen. Vor 100 Jahren waren es nicht mal ein Prozent. Die Pollen werden aggressiver. Schadstoffe in unserer Umwelt wie zum Beispiel Abgase in der Luft tragen dazu bei, dass es mehr Pollen in der Luft gibt und wir heftiger reagieren. Und die Birken haben ein Mastjahr, das heisst, dass sie besonders viele Kätzchen tragen und deswegen die Pollenbelastung besonders hoch ist.
Bereits Ende Januar gab es Warnungen. Wieso hat der Pollenflug dieses Jahr derart früh begonnen?
Der Pollenflug hängt direkt von der Blütezeit der Pflanzen ab. Hasel und Erlen zum Beispiel brauchen nur trockenes Wetter und Temperaturen um die 5 Grad, um ihre Pollen in die Luft zu schicken. Wenn es also früher im Jahr warm wird, kann das den Pollenflug beeinflussen. Letztes Jahr hat man schon im Dezember vereinzelt Haselpollen gemessen.
Inwieweit haben Klimaerwärmung und andere menschgemachte Einflüsse Auswirkungen?
Der Einfluss ist gross und beschäftigt uns sehr. Mildere Temperaturen führen dazu, dass die Pflanzen früher und teilweise länger blühen. Die Gräserpollensaison zum Beispiel hat sich in 30 Jahren um rund zwei Wochen nach vorne verschoben. Ausserdem können sich neue Pflanzen bei uns ansiedeln. Dann gibt es viele menschgemachte Einflüsse, die dazu beitragen, dass wir immer mehr Allergien haben und unsere Atemwege anfälliger sind.
Wieso weist die Stadt Zürich mit die stärkste Belastung in der Schweiz vor, während das Wallis oder Graubünden kaum betroffen sind?
In Bergregionen blühen viele Pflanze ab einer gewissen Höhenlage später, weniger oder fast nicht. Daher haben es die Allergiker in den Bündner oder Wallliser Bergen eher leichter. In Städten tragen menschgemachte Einflüsse wie Feinstaub, Ozon und die Wärme-Anstauung dazu bei, dass die Belastung stärker ist. Pollen docken am Feinstaub an und dringen dadurch tiefer in die Lunge ein. Ozon kann die Atemwege reizen und durchlässiger machen für Pollenallergene und andere Partikel. Der Wärmestau in Städten führt wiederum dazu, dass Schadstoffe schlechter abziehen. Ein weitere Ursache, warum generell in Städten die Pollenkonzentration höher ist, könnte der sogenannte «botanische Sexismus» sein. In der Stadtplanung vieler grösserer Ortschaften wurden in der Vergangenheit über Jahrzehnte oft bevorzugt männliche Bäume gepflanzt, um herabfallende Früchte oder Samen zu vermeiden. Da nur männliche Bäume Pollen produzieren, entstehen so lokale «Pollen-Hotspots» mit extrem hoher Konzentration.
Die Stadt Zürich wurde in den letzten 10 Jahren stark begrünt. Könnte das ebenfalls ein Grund sein?
Die Begrünung an sich freut uns. Die Artenwahl und nicht die Begrünung selber kann Probleme machen, wenn vor allem allergene Baumarten wie Birken, Erlen oder Hasel angepflanzt werden. Gut sind möglichst grosse Biodiversität und wenig allergene Bäume. Die Stadt Zürich berücksichtigt das nach ihren Angaben bei der Wahl der öffentlichen Bepflanzung.
Welche Pflanzengruppen sorgen am meisten für Pollenallergien?
Bei uns lösen Gräserpollen am häufigsten Allergien aus – rund 70 Prozent der Heuschnupfenbetroffenen reagieren auf sie. Gräser blühen von Mai bis August, mit Hauptsaison im Juni/Juli. An zweiter Stelle kommen die Birkenpollen rund um Ostern.
Wann reichen handelsübliche Medikamente, wann braucht es eine Desensibilisierung oder andere Behandlung?
Pollenallergien sind keine Bagatellerkrankung. Bei gut einem Drittel der Betroffenen kommt im Laufe der Zeit ein allergisches Asthma dazu. Deswegen bitte nicht durchhalten und möglichst wenig oder nicht behandeln! Es ist im Gegenteil wichtig, Symptome ausreichend und frühzeitig zu behandeln. Man kann die Symptome der Allergie behandeln mit Antihistaminika, Kortison-haltigen Nasensprays und wennnötig Asthmasprays. Bei nur leichten Beschwerden reicht das. Wenn die Beschwerden über mindestens drei Jahre stärker werden, einen stark einschränken oder Symptome wie Atemnot oder pfeifende Atemgeräusche dazu kommen, empfehlen wir eine Desensibilisierungs-Abklärung. Die Desensibilisierung ist bisher unsere einzige ursächliche Behandlung der Allergie. Dabei gewöhnt man den Körper langsam an das Pollenallergen. Ziel ist es, die fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems in eine Toleranz umzuwandeln, sodass man keine oder viel weniger Allergie-Symptome hat.
Vorbeugen ist besser als heilen. Was kann man im Alltag tun?
Pollenallergiker können die auslösenden Pollen wo und wie es geht meiden. Dafür gibt es Massnahmen wie zum Beispiel, dass man die Kleidung von tagsüber nicht im Schlafzimmer hat, abends die Haare wäscht oder den Kopfkissenbezug häufig wechselt. Es gibt Informationsstellen wie zum Beispiel aha! Allergiezentrum Schweiz, die hier sehr gute Tipps und Anweisungen zur Verfügung stellen. Das alles hilft aber leider nicht als Allergiepräventionen bei Personen, die keine Allergie haben.