Ein Leben im Schutzraum
Christian Schifferle leidet an einer Chemikaliensensitivität und hat mit seinem Wohnprojekt in Leimbach einen Rückzugsort für Betroffene geschaffen. Doch Baupläne bedrohen das Refugium. - Ginger Hebel
Christian Schifferle vor dem MCS-Wohnhaus – seinem Lebensprojekt. GH
Christian Schifferle leidet an einer Chemikaliensensitivität und hat mit seinem Wohnprojekt in Leimbach einen Rückzugsort für Betroffene geschaffen. Doch Baupläne bedrohen das Refugium. - Ginger Hebel
Leben ist Leiden. Kämpfen und Hoffen. Christian Schifferle weiss, wovon er spricht. Schon als Kind war er kränklich, reagierte stark allergisch auf Duftstoffe und Lösungsmittel. Beim Einatmen hatte er Lungenschmerzen, wurde kreidebleich. Niemand nahm ihn ernst.
Mit 26 Jahren fesselte ihn eine Chronische Erschöpfung drei Jahre lang ans Bett. «Ich wundere mich, dass ich noch lebe», sagt der 71-Jährige. Er sitzt auf seinem Gartensitzplatz, blickt in die Natur: auf die blühende Glyzinie und die Blumenwiesen am Fusse des Uetlibergs – abgeschirmt vom Lärm und der Hektik der Stadt.
Christian Schifferle hat eine Multiple Chemikaliensensitivität (MCS), ein komplexes Krankheitsbild. Betroffene leiden oft unter geringsten Konzentrationen alltäglicher Chemikalien – etwa Parfüm, Waschmittel oder Baustoffe. Das Immunsystem reagiert mit Herz-rasen, Lungenschmerzen, Kopfschmerzen und Erschöpfung.
Die Symptome sind individuell und können alle Organsysteme betreffen. Für Duftallergiker und Elektrosensible ist der Alltag äusserst schwierig. «Es ist anstrengend, einkaufen zu gehen oder ÖV zu fahren, weil Duftstoffe und Elektrosmog intensiv belastend sein können», sagt Schifferle. Verbittert hat ihn die Krankheit nicht. Er sieht sie noch, die schönen Dinge im Leben – auch wenn ihn der Alltag stark einschränkt.
Bedrohter Zufluchtsort
Sein Lebensprojekt ist das MCS-Wohnhaus in Leimbach. 2013 realisierte die Wohnbaugenossenschaft Gesundes Wohnen MCS dieses Haus mit Unterstützung der Stadt Zürich – ein europaweit beachtetes Pionierprojekt: ohne Duftstoffe, ohne WLAN, mit sorgfältig geprüften Baumaterialien.
Das Haus (www.gesundes-wohnen-mcs.ch) umfasst 14 Wohnungen für umweltkranke Menschen und Elektrosensible. Sie sind unterschiedlich alt und reagieren hypersensibel auf verschiedenste Trigger: Gerüche, Lärm, Elektrosmog. Auch Long Covid und Chronische Erschöpfung gehören dazu. In schweren Fällen führt die Krankheit zur Isolation. Eine junge Frau aus Luxemburg lebt zeitweise in einem speziell angepassten Wohnwagen vor dem Haus. «Hier kann ich frei atmen», sagt sie.
Der frühere Stadtrat Martin Vollenwyder betonte 2010, dass die Stadt mit der Abgabe des Grundstücks im Baurecht einen gezielten Beitrag für eine Bevölkerungsgruppe mit besonderem Bedarf leisten wolle. Das Projekt entstand im Rahmen des damaligen Legislaturziels «Wohnraum für alle». Als «gesündestes Haus Zürichs» machte das Projekt Schlagzeilen. «Wir dachten, es sei ein Selbstläufer», sagt Christian Schifferle. Rund fünf Millionen Franken kostete der Bau – finanziert durch Darlehen von der staatlichen Wohnbauförderung, anderen Genossenschaften und hohen Bankhypotheken. Doch die fehlende Anerkennung der Krankheit und Kapitalmangel bremsen den Fortschritt. «Es wäre so wichtig, dass weitere Projekte gebaut würden», sagt Schifferle.
Der Bedarf ist da: In der Schweiz leben schätzungsweise mehrere tausend Menschen mit MCS. Geeigneter Wohnraum ist extrem knapp. Schifferle ist Präsident der Genossenschaft und ihr wichtigstes Sprachrohr. Viele Bewohnerinnen und Bewohner leiden nicht nur körperlich, sondern auch unter sozialer Ausgrenzung. «Der Druck auf unsere Hausgemeinschaft ist gross.» Sie fühlte sich hier lange Zeit gut aufgehoben. Doch jetzt plagt sie die Unsicherheit. Denn: Eine geplante Überbauung mit 54 Eigentumswohnungen auf dem verwilderten Nachbargrundstück gefährdet das Refugium. «Das bedeutet Baulärm, Staub, Chemikalien – alles, was uns krank macht», sagt Schifferle. «Wenn das Projekt kommt, müssen viele weg. Aber wohin?»
Seit fünf Jahren tobt ein Rechtsstreit. Naturschützer und Anwohner setzen sich für das Areal ein – ein Biotop mit Igeln, Blindschleichen, brütenden Vögeln und Glühwürmchen. Die Hoffnung bleibt, dass das Gebiet unter Schutz gestellt wird – wie Teile der Fall-ätsche am Uetliberg.
Wie Kornel Ringli von Liegenschaften Stadt Zürich auf Anfrage mitteilt, ist ein Folgeprojekt auf städtischem Grund derzeit nicht geplant. «Die Stadt Zürich schreibt Baurechte heute öffentlich aus – eine Direktvergabe, wie sie beim MCS-Wohnhaus 2012 erfolgte, entspricht nicht mehr der heutigen Praxis». Zudem beteilige sich die Stadt nicht an rechtlichen Auseinandersetzungen ihrer Baurechtsnehmenden. Ringli: «In ihrer Rolle als Grundeigentümerin prüft sie Bauprojekte auf Nachbargrundstücken jedoch sorgfältig und ergreift bei Bedarf die ihr zustehenden Rechtsmittel.»
Krankheit anerkennen
«Aus medizinischer Sicht ist das Projekt sehr wichtig», sagt Tomáš Hraško, Facharzt für Endokrinologie und Diabetologie FMH mit Schwerpunkt Klinische Umweltmedizin. «Das Wohnhaus bietet Betroffenen einen geschützten Raum, in dem sie ohne FFP2-Maske leben und frische Luft atmen können.» Gleichzeitig liefert das Haus Erkenntnisse für gesundes Bauen und erfüllt baubiologische Empfehlungen. «In der Praxis sehen wir eine Zunahme von Sensitivitäten und umweltbedingten Beschwerden. Eine Standardtherapie gibt es derzeit nicht», sagt Hraško. «Umso wichtiger wäre es, die Krankheit ernst zu nehmen und offiziell anzuerkennen.»
Er berichtet von Einzelfällen aus seiner Praxis, in denen sich die Symptome durch Methoden zur Regulation des autonomen Nervensystems deutlich gebessert hätten – bis hin zu einer nahezu vollständigen Remission. In einem Fall sei es sogar zu einer Ausheilung gekommen. «Ähnliche Beobachtungen machen wir auch bei Patientinnen und Patienten mit Long Covid, bei denen solche Methoden zunehmend eingesetzt werden und ebenfalls positive Effekte zeigen.»
Christian Schifferle ist der Stadt sehr dankbar, dass dieses Pionierprojekt möglich wurde. Doch er hofft auf mehr: dass die Bewohnerinnen und Bewohner bleiben können – und dass weitere Projekte dieser Art entstehen. «Sie verbessern die Lebensqualität betroffener Menschen erheblich.»
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