Klassenzimmer der Pioniere
Sie waren Teil einer Zürcher Versuchsklasse und wirkten in einem Dokumentarfilm mit. 55 Jahre später trafen sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler wieder. - Von Jeannette Gerber
Sie waren Teil einer Zürcher Versuchsklasse und wirkten in einem Dokumentarfilm mit. 55 Jahre später trafen sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler wieder. - Von Jeannette Gerber
Der Zweck eines Klassentreffens ist, nostalgische Reminiszenzen und Anekdoten auszutauschen. So steht man nach langer Zeit seinen ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern gegenüber, erinnert sich nicht mehr an den einen oder anderen Namen und freut sich darüber, dass man selber viel jünger aussieht.
Doch ein Treffen der städtischen Primarschulklasse vom Schulhaus Manegg in Wollishofen (1969 – 1972) ist sicher gehaltvoller. Dank Lehrer Andres Schmids Initiative durfte die Klasse in den Jahren 1969 bis 1972 diverse aussergewöhnliche Aktivitäten realisieren. So wirkten die Schülerinnen und Schüler 1971 als Protagonisten im Dokumentarfilm «Unser Lehrer. Mängel beim Schweizer Schulsystem» von Regisseur Alexander J. Seiler für das Schweizer Fernsehen mit. Es entstand das Porträt einer vierten Klasse, authentisch im Klassenzimmer gedreht, mit 33 Schülerinnen und Schülern und deren Lehrer. Aus dem Off las Peter Bichsel, Autor und selber Primarlehrer, den von ihm verfassten Kommentar, gespickt mit selbstkritischen Erinnerungen.
Lehrer Andres Schmid wurde von den Kindern und ihren Eltern sehr geschätzt. Gemäss Peter Bichsel führte er jedoch die Klasse «auf eine absolutistische Weise». Nach Schmids Ansicht musste ein moderner Lehrer alles anders machen als die anderen. «Schulbänke anders aufstellen, Projekte als Gruppenarbeiten realisieren, Gespräche mit den Schülern führen, und die Kinder seltener bis nie schlagen», liess er sich in Seilers Film zitieren. Die Schule und der spätere Militärdienst würden die Gelegenheit bieten, «Kinder aus allen sozialen Schichten, unabhängig von ihren Begabungen, während längerer Zeit zusammenzuhalten, was im Hinblick auf die Demokratie von grossem Wert ist». Andres Schmid war Major in der Schweizer Armee.
Zu jener Zeit waren die Diskussionen um neue Schulmodelle in vollem Gang. Der Film löste damals heftige Debatten über die Rolle der Lehrer und über das Schweizer Schulsystem an sich aus. Regisseur Alexander J. Seiler, Schriftsteller Peter Bichsel und Primarlehrer Andres Schmid sind inzwischen alle verstorben.
Neue Bäume für Zürich
55 Jahre später hat die ehemalige Schülerin Christine Deragisch die Aufgabe übernommen, ein Klassentreffen mit Lunch im Restaurant Muggenbühl zu organisieren. 18 der Eingeladenen sagten zu. Zuerst entstand aber das obligate Klassenfoto auf dem Pausenhof, in der gleichen Reihenfolge wie damals arrangiert.
Ein Schüler reiste eigens von Teneriffa zum Klassentreffen an. Zwei Ehemalige, die heute in Israel beziehungsweise Namibia leben, konnten nicht erreicht werden. Und Hansruedi Flüge aus Australien? Er hatte seine Reise bereits geplant und den Flug in die Schweiz gebucht. Doch wegen der Kriegssituation im Nahen Osten wurde seine Maschine kurzfristig gestrichen.
Eine weitere Aktivität neben dem Schulunterricht war 1971 das Einpflanzen von Bäumen, inspiriert von der «Aktion 1000 Bäume für Zürich», einer gezielten Begrünungsmassnahme, lanciert vom Zürcher Gärtnermeisterverband. Die Klasse pflanzte gemeinsam an diversen Orten Platanen unter der Anleitung von Lehrer Schmid. Ein Teil davon, heute in stattlicher Grösse, säumt den Weg zum Muggenbühl.
«Unsere Klasse war auch die erste Versuchsklasse in Zürich mit Frühfranzösisch», erzählt Erika Pucci, eine der Ehemaligen. «Während dreier Jahre wurde uns im Hans-Asper-Schulhaus in einem Labor Französischunterricht erteilt. Ich erinnere mich: Da gab es nichts Schriftliches, die Aufgaben wurden nur mündlich gestellt und gelöst. Gewertet wurden die Ergebnisse nie.»
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