Es bleibt ein Wunschtraum
Gerne sähe die Museumsgesellschaft ihr Haus am Limmatquai in alter Pracht wiedererstehen. Doch die Umbaupläne bleiben auf halbem Weg stecken. - Von Christian Felix
Die Museumsgesellschaft an der Ecke Limmatquai und Marktgasse. Im ersten Stock befindet sich der Lesesaal. Bild: Literaturhaus Zürich
Gerne sähe die Museumsgesellschaft ihr Haus am Limmatquai in alter Pracht wiedererstehen. Doch die Umbaupläne bleiben auf halbem Weg stecken. - Von Christian Felix
Das Gebäude gegenüber der Rathauswache stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es ist gut in den Stadtraum gefügt, grosszügig gebaut, fällt dennoch kaum auf. Der Eingang befindet sich versteckt in einer Ladenpassage. Doch oben im ersten Stock öffnet sich einer der schönsten Räume der Stadt. Es ist der Lesesaal der Museumsgesellschaft, fast fünf Meter hoch, von Säulen gesäumt, Kassettendecke.
Das Gebäude der Museumsgesellschaft soll nun umgebaut werden. Das Ziel dabei: «Am Haus soll von aussen wieder erkennbar werden, dass sich darin eine Kulturinstitution befindet», sagt Madeleine Herzog, Präsidentin des Vereins Museumsgesellschaft. Zur Museumsgesellschaft gehört auch das Literaturhaus Zürich. Es lädt regelmässig zu Lesungen, Vorträgen und Diskussionen ein.
Als die Museumsgesellschaft 1834 entstand, bedeutete das Wort Museum ein «Ort des gelehrten Tuns». Im Museum waltete die Muse. Hier lagen Zeitungen auf, sogar solche aus Paris. Zudem baute das Museum eine Bibliothek auf. Sie umfasst heute 150 000 Bände.
Die Museumsgesellschaft stand im 19. Jahrhundert Männern aller Klassen offen. Sie wurde zu einem Treffpunkt literarisch interessierter Personen. Zunächst benutzte das Museum Räume im Zunfthaus zum Rüden. Doch bald nach der Eröffnung wurde der Platz knapp. Über viele Jahre suchte die Gesellschaft nach einem Grundstück für einen Neubau. So gab es am Bellevue Bauland. Doch der Ort war dem Museum nicht zentral genug gelegen. Schliesslich wurde die Ecke Marktgasse und Limmatquai frei. Hier konnte die Museums-gesellschaft 1868 ihr eigenes Gebäude beziehen. Rund herum herrschte Betrieb: das Rathaus, die Fleischhalle, der Markt auf der Gemüsebrücke, Lebensmittelgeschäfte in der Marktgasse, leider auch eine Fischhandlung hinter dem Haus. Es roch entsprechend.
In nächster Nähe zum Fisch arbeiteten oder studierten weltbekannte Männer im Lesesaal. Hier schrieb James Joyce seinen Ulysses, Friedrich Nietzsche war ebenso zu Gast wie Lenin und Trotzki. Gottfried Keller gehörte bis zu seinem Tod 1890 zu den Mitgliedern. Drei Jahre später wurden erstmals ausdrücklich «Personen beiderlei Geschlechts» zugelassen.
Verkleinertes Projekt
Der geplante Umbau der Museumsgesellschaft soll auf neue Anforderungen an das Gebäude reagieren. Der Limmatquai ist seit 2004 autofrei. Daher wünscht sich der Verein Museumsgesellschaft, dass die Fussgängerarkaden aus den 1960er Jahren verschwinden. Das altehrwürdige Gebäude soll seine ursprüngliche Wirkung zurücker-halten. Das Erdgeschoss würde die kulturelle Institution nach aussen hin sichtbar machen. Es würden Räume frei, die die Besucherinnen und Besucher mit einem Café und Foyer empfingen. Doch das bleibt ein Wunschtraum. Das Tiefbauamt hat im Februar beschlossen, diesen Teil des Umbauprojekts nicht zu bewilligen. «Leider», sagt Madeleine Herzog. Die Gründe liegen laut der Vereinspräsidentin beim Verkehr. Der Veloverkehr auf dem Limmatquai habe stark zugenommen. Trams, Gleise, hohe Gehsteigkanten, unachtsame Passanten, sowie E-Bikes haben in letzter Zeit zu vielen Velounfällen geführt. Das Trottoir ist gemäss Tiefbauamt an dieser Stelle ohne Arkaden zu schmal. Ein Augenschein ergibt allerdings, dass der Raum unter den Arkaden kaum genutzt wird.
Das verkleinerte Umbauprojekt verändert vor allem die vertikale Erschliessung des Gebäudes. Im Treppenhaus werden zwei gegenläufige Wendeltreppen nach oben führen. Für den Brandschutz sind zwei Treppenaufgänge erforderlich. Um zugleich den Zugang für Behinderte sicher zu stellen, gibt es einen grösseren Lift. Im Erdgeschoss wird immerhin der Eingang auf die Höhe der Ladenfront verschoben. Der kleine Laden mit italienischen Spezialitäten verschwindet zugunsten eines kleinen Foyers. Die aktuellen Nutzungen, das heisst die drei Sparten Lesesaal, Bibliothek und Literaturhaus, bleiben auch künftig unverändert. Bis Ende 2030 soll der Umbau abgeschlossen sein.
Der letzte grosse Umbau der Museumsgesellschaft erfolgte 1966. Der Architekt Hans von Meyenburg verlegte den Eingang von der Schneggengasse nach vorne zum Limmatquai. Die Arkaden sind Teil dieses Umbaus. Am Limmatquai wollte die Stadt in jenen Jahren Platz schaffen für den Autoverkehr. Zugleich entstand im Gebäude ein Treppenhaus ganz im Stil der 1960er Jahre. Madeleine Herzog sagt: «Es ist zwar sorgfältig gestaltet, hebt sich aber nicht ab von den durchschnittlichen Treppenhäusern aus dieser Zeit in Wohn- und Geschäftsbauten.»
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